Rothman, Charli

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Charli Rothman ist eine der Haupt-Sängerinnen des Ensembles „Saitensprung“. Doch damit allein gibt sich das Multitalent nicht zufrieden. Denn sie spielt sowohl die Gitarre wie auch die Mandoline und die Saz. Inspiriert durch Horst Schäfer entdeckte sie ihre Begeisterung für interkulturelle Musik. Charli Rothman machte diese zur Identität des Ensembles.

Wie kam es damals zur Gründung des Ensembles Saitensprung?

Ich habe in einem Gitarrenkreis der hiesigen Evangelischen Martin-Luther-Gemeinde Dietzenbach-Steinberg das Gitarre spielen gelernt. Irgendwann fragte mich mein Gitarrenlehrer, Andreas Heymann, ob ich nicht selbst eine Gruppe für Anfänger gründen möchte. Dies habe ich dann im Februar 1983 gemacht. Aus diesem „Gitarrenkreis“ entwickelte sich das Ensemble Saitensprung. Anlässlich eines Jubiläumskonzertes zum 10-jährigen Bestehen der Gruppe musizierten wir erstmalig mit Menschen anderer Religionen und Kulturen zusammen, unter anderem mit Hüseyin Fırat und Ahmet Ovalı. Seither ist Hüseyin fester Bestandteil des Ensembles und Ahmet ein gern gesehener Gastmusiker. Bei diesem Jubiläumskonzert wurde auch der Grundstein für die spätere musikalische Ausrichtung und Zielsetzung gelegt, nämlich musikalisch Brücken zu bauen zu Menschen aus anderen Religionen und Kulturkreisen.

Was fasziniert Sie an der Saz und der türkischen Musik?

Die Saz hat einen ganz besonderen Klang – orientalisch und vielseitig, mal melancholisch, mal beschwingt. Sie besticht durch ihre Vierteltonabstände, die wir hier in der europäischen Musik nicht kennen. Ich liebe türkische Musik ganz allgemein, besonders aber Lieder von Zülfü Livaneli. „Kardeşin Duymaz“ ist praktisch die „Nationalhymne“ der Saitenspringer. Horst Schäfer und ich haben beide bei Hüseyin ein wenig Saz spielen gelernt.

Seit wann sind Sie in Dietzenbach?

Ich bin seit 1971 in Dietzenbach, mit einer kurzen Unterbrechung von 1987-1992, da habe ich in Kronberg gelebt.

Wo kommt Ihre Familie ursprünglich her?

Meine Mutter stammt aus Zerbst/Anhalt, mein Vater aus Frankfurt am Main, und wir haben vor unserem Umzug nach Dietzenbach in Oberstedten bei Oberursel gelebt.

Warum sind Sie nach Dietzenbach gekommen?

1971 stand meine Einschulung an. Der Schulweg in Oberstedten wäre sehr gefährlich gewesen, und ich hätte immer eine stark befahrene Hauptstraße überqueren müssen. Das hat meine Eltern beunruhigt, außerdem war der Anfahrtsweg meines Vaters zu seiner Firma (Verwaltung in Frankfurt und Werk in Offenbach am Main) recht lang, vor allem im Winter, weil damals noch viel mehr Schnee lag. Also beschloss die Familie, anlässlich meiner Einschulung den Umzug in Angriff zu nehmen und fand hier in Dietzenbach-Steinberg ein schönes Haus.

Warum sind Sie in Dietzenbach geblieben?

Ich hatte von klein an immer einen engen Bezug zur Evangelischen Martin-Luther-Gemeinde in Steinberg. Ich ging dort in den Kinderchor und Kindergottesdienst, später wurde ich hier konfirmiert, ging zur Jugendgruppe, Gospelkringel und zum Gitarrenkreis, gründete dann selbst meinen Gitarrenkreis, sang fast 30 Jahre im Kirchenchor und war 18 Jahre am Stück und dann vor Kurzem noch mal aushilfsweise ein Jahr Kirchenvorsteherin. Das hat eine enge Bindung erzeugt. Auch arbeite sich seit 1992 in Dietzenbach bei der Firma DiaSorin Deutschland GmbH, und die beiden Familienunternehmen, die ich von meinen Eltern übernommen habe, sind in Offenbach. Mein Freundeskreis ist hier, und ich fühle mich sehr wohl hier, auch in der Nachbarschaft, in der ich lebe.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Jugend in Dietzenbach?

Meine Jugend war sehr stark vom damaligen Pfarrer, Herrn Klaus Keller, geprägt. Er wusste Jugendliche zu begeistern, und in der Gemeinde war immer etwas los. Außerdem habe ich viel Zeit mit Matthias Burgey, einem Nachbarsohn, verbracht, der wie ein Bruder für mich war und ist und heute Konrektor der Astrid-Lindgren-Schule. Wir haben allerlei Streiche ausgeheckt und unsere Freizeit in der Gemeinde und auf unserem Firmengrundstück in Offenbach verbracht. Seine Mutter war meine Grundschullehrerin. Meine Eltern waren beide sehr tierlieb, und so hatten wir immer mehrere Katzen zu Hause, 2 x auch ein „Flaschenlämmchen“, das wir, da die Mutter eine Euterentzündung hatte und ihren Nachwuchs nicht säugen konnte, übergangsweise im heimischen Badezimmer gehalten und mit der Flasche großgezogen haben, bis es keine Milch mehr benötigt hat und wir es wieder nach Offenbach bringen konnten. Unvergessen der erste Ausflug unseres Mohrlis, des schwarzen Lämmchens, das wir im Garten herumtoben ließen und das dann einem völlig irritierten Kater Griebel gegenüberstand. Die Blicke waren unbezahlbar: „Wer bist DU denn??????“

Was gefällt Ihnen an Dietzenbach am meisten?

Die Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen, die größtenteils friedlich zusammenleben. Man kann viel voneinander lernen, wenn man sich gegenseitig mit Respekt begegnet und das „Anderssein“ der anderen als Gewinn betrachtet. Der Verein „Zusammenleben der Kulturen in Dietzenbach“ bietet viele solcher Begegnungsmöglichkeiten, die ich sehr schätze, und die Flüchtlingshilfe Dietzenbach e.V. leistet eine hervorragende Arbeit. Im Rathauscenter gehe ich gerne einkaufen und finde dort fast alles, was ich brauche. Und natürlich meine Gemeinde, die Ev. Martin-Luther-Gemeinde in Steinberg.

Was sollte in Dietzenbach geändert werden?

Es gibt leider sehr viel Müll in der Stadt. Viele Menschen werfen ihren Abfall überall hin, wo sie gerade gehen und stehen. Das finde ich schade. Die Säuberungsaktion der Stadt, an der sich alle Mitbürger*innen beteiligen können, finde ich da eine gute Aktion. Außerdem sollte es noch mehr Angebote für Jugendliche geben, vor allem solche, die finanziell und sozial benachteiligt sind.

Was fehlt Ihnen in Dietzenbach?

Eigentlich nichts.

Wo gehen Sie in Dietzenbach gerne essen?

Im „Da Gigi’s“ und im „Casa zum Steinberg“ oder im „La Luna“. Allerdings gehe ich nicht sehr oft essen.

Welche Seite kennen die Dietzenbacher von Ihnen noch nicht?

Vielleicht, dass ich Gründerin und eine der Stifterinnen der Gerhard Krieger-Stiftung bin, die bedürftige Menschen mit Migrationshintergrund und ältere Wiedereinsteiger*innen mit Wohnsitz in Dietzenbach finanziell mit einem kleinen Förderbeitrag dabei unterstützt, den Führerschein zu erwerben oder ihre Fahrkenntnisse wieder aufzufrischen. Und den Umstand, dass ich ein Musical geschrieben habe. Das wird sich aber bald ändern, denn am 1. Mai 2022 ist die Live-Aufführung im „Haus des Lebens“.

Von welcher Person hätten Sie gerne einen Steckbrief und warum?

Gerhard Krieger († 3.10.2004), der jahrzehntelang ein äußerst erfolgreicher Fahrlehrer hier in Dietzenbach war. In seiner Fahrschule haben Menschen aus mehr als 30 Nationen das Fahren gelernt, und er hat ehrenamtlich Fahrschüler*innen, die sich mit dem Ausfüllen der Fragebögen schwer taten aufgrund des „Führerschein-Deutschs“ (soll heißen: den Fachbegriffen der Verkehrstheorie), Nachhilfeunterricht gegeben und die Fragen in einfacheres Deutsch umformuliert. Er nannte das „Lesehilfe“ und hat oft seine Sonntag-Vormittage dafür geopfert.

Ansonsten fällt mir noch unser Pfarrer Uwe Handschuch ein, ein unglaublich engagierter liebenswerter Mensch in unserer Stadt.

Mehr Stoff

Kranz, Herbert

Aus der Frankfurter Rundschau vom 03.12.2008:

Trauer um Herbert Kranz

Im Alter von 85 Jahren ist Herbert Kranz verstorben. Der in der Region allseits bekannte Fernseh-Journalist und Moderator erlitt bei der Produktion einer Sportsendung im Studio einen Herzinfarkt.

Im Alter von 85 Jahren ist am vergangenen Samstag Herbert Kranz verstorben. Der in der Region allseits bekannte Fernseh-Journalist und Moderator erlitt bei der Produktion einer Sportsendung im RTL-Studio in Aschaffenburg einen Herzinfarkt.

Jahrzehntelang arbeitete Kranz, der in Dietzenbach lebte, beim Hessischen Rundfunk, zuletzt produzierte er noch für RTL Bayern aktuelle Sportberichte. Kranz berichtete aber nicht nur über Sport, er betrieb und förderte ihn auch aktiv. In seiner Jugend war er Handballspieler, um später dann – in der Ära von Größen wie Hansi Schmidt und Herbert Lübking – als Sportwart des Deutschen Handball-Bundes wertvolle Funktionärsarbeit zu leisten.

Bekannt war Kranz darüber hinaus als charmanter und humoriger Conferencier zahlreicher Veranstaltungen, unter anderem auch von Sportpressefesten. Zudem war der gebürtige Pfälzer jahrelang die Stimme des Frankfurter Sechstagerennens. (boe)

Hier geht es zum vollständigen Artikel:
https://www.fr.de/sport/sport-mix/trauer-herbert-kranz-11561429.html

Germer, Christel

  1. Wo engagieren Sie sich überall (Verein, Kirchen, Kunst, Politik,
    Wirtschaft, …)

    Ich engagiere mich gerne in meinem Umfeld, wenn ich glaube, dass ich etwas bewegen kann. Der Start war in der Schulpolitik als Sprecher der AG Dietzenbacher Schulen (diese 17 Jahre waren ziemlich erfolgreich für Dietzenbach: kleinere Klassen, zusätzliche Lehrer, eine Vorklasse an jeder Grundschule, Schülerbibliotheken an ALS und HMS, Hausaufgabenhilfe an ALS und HMS, bilingualer Unterricht an HMS und ERS und Bauprojekte mit und ohne PPP etc.). Dann in der Kommunalpolitik, als Stadtverordnete, Magistratsmitglied und dann bis März 2021 als Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung . Ich war nicht unmaßgeblich an der Reaktivierung des Jugendbeirates in Dietzenbach beteiligt, arbeite noch mit beim Integrationskonzept und in den Ausschüssen. Ich bin im Vorstand der Europa Union im Kreisverband, wofür ich bis zum Ausbruch der Corona Pandemie Schüler- und Bürgerfahrten zu den europäischen Institutionen organisiert habe, sowie im Vorstand der Europa Union Hessen. Ich bin Vorsitzende der Seniorenunion Dietzenbach und auch im Vorstand von Kreis und Land dieser Organisation. Über die Seniorenhilfe habe ich mich als Nachhilfelehrerin für Kinder im JUZ – später Bildungshaus – eingebracht. Im Verein für internationale Beziehungen (ViB) kümmere ich mich um die Städtepartnerschaft mit Oconomowoc (USA). Vélizy in Frankreich liegt mir auch sehr am Herzen. Ich bin Mitglied der VHS, eine Zeit lang war ich da auch Vorstandsmitglied. Für die Bedürftigen der Stadt setze ich mich ein als Vorsitzende der Dietzenbacher Tafel, die ich 2005 aufgebaut habe und immer noch leite. Natürlich alles nur gemeinsam mit vielen engagierten und motivierten Mitstreitern.
  2. Seit wann sind Sie in Dietzenbach?
    Ich lebe mit meiner Familie seit 1972 in Dietzenbach, d.h. nunmehr seit 50 Jahren.
  3. Wo kommt Ihre Familie ursprünglich her?
    Nicht meine Familie ist hier „eingewandert“ sondern nur ich, weil ich hier einen guten Arbeitsplatz gefunden habe. Ich bin Österreicherin, in Wien geboren und aufgewachsen. Mein Mann kommt aus Oberhessen. Wir leben – wie gesagt – seit 50 Jahren in Dietzenbach, ich habe aber noch „einen Koffer in Wien“ , wohin wir auch ganz oft fahren.
  4. Warum sind Sie nach Dietzenbach gekommen?
    Mein Mann und ich sind von Frankfurt nach Dietzenbach gezogen, weil die Mieten in Frankfurt zu teuer waren, mein Mann hat zu dieser Zeit wieder studiert.
  5. Warum sind Sie in Dietzenbach geblieben?
    Geblieben sind wir in Dietzenbach, weil wir im Grünen wohnen, mit aller Infrastruktur, die man für eine junge Familie braucht, trotzdem aber die Nähe zu Frankfurt, Hanau, Darmstadt und Offenbach hat. Dies war uns wichtig, weil wir nicht nur die Einkaufsmöglichkeiten, sondern vor allen Dingen die kulturellen Angebote der Städte genutzt haben und auch immer noch nutzen. Seit wir die S-Bahn haben ist vieles noch einfacher.
  6. Was gefällt Ihnen an Dietzenbach am meisten?
    Mir gefällt, dass man in Dietzenbach alles weitgehend zu Fuß erreichen kann. Wir haben hier unsere Kinder großgezogen, haben über die Jahre viele Menschen hier kennen und schätzen gelernt, ich habe mich in der Gemeinde immer wieder eingebracht, viel Anerkennung meiner Arbeit erfahren, das macht mich zufrieden.
  7. Was sollte in Dietzenbach geändert werden?
    Die beiden sozialen Brennpunkte sollten entzerrt werden. Es sollte nicht möglich sein, mit der Not der hierherkommenden Menschen noch Geld zu verdienen, indem man möglichst viele Menschen auf engem Raum unterbringt. Hier gibt es leider fragwürdige Strukturen, die mit unseren Gesetzen nicht beherrschbar sind. Viele Dietzenbacher, äußerst hilfsbereite Menschen, fühlen sich wie ein Hamster im Rad. Kaum hat man ein Problem ein bisschen verbessert, kommt das nächste nach. Dietzenbach sollte nicht länger eine Art „Ankunftsstadt“ sein. Menschen die hier Arbeit und Wohnung gefunden haben, sollten auch hier bleiben.
  8. Was fehlt Ihnen in Dietzenbach?
    Eigentlich fehlt mir nicht viel in Dietzenbach. Ein gemütliches Kaffeehaus wäre nicht schlecht. Außerdem sollte, auch von der Kommunalpolitik her immer für eine ausreichende Versorgung mit niedergelassenen Ärzten gesorgt werden. Kinderarzt, Augenarzt etc. Hier sollte die Gemeinde unbedingt rechtzeitig Anreize bieten.
  9. Wo gehen Sie in Dietzenbach gerne essen?
    Wir gehen nicht sehr viel essen, mein Mann meint ich koche gut! Aber ich mag die Dietzenbacher Gastronomie, man kann immer etwas finden.
  10. Gibt es sonst etwas Besonderes über Sie was Sie erzählen wollen?
    Es gibt aus meiner Sicht nicht so viel, was ich über mich erzählen könnte, was von allgemeinem Interesse wäre. Ich liebe Reisen und Musik, eher die klassische Variante, aber auch Jazz, Freunde treffen, Wandern und Lesen, wofür nicht immer ausreichend Zeit bleibt. Das Wichtigste für mich sind mein Mann, meine Kinder und Enkelkinder. Aus meiner Erfahrung mit jungen Menschen im Bildungshaus bin ich doch immer wieder bestätigt worden, dass auch der Einsatz für Einzelne lohnenswert ist. Und wenn mir heute ein junger Mensch sagt, schau her was aus mir geworden ist, weil Du mir geholfen hast, macht mich dies sehr glücklich. Ich bin fest davon überzeugt, dass Bildung vor Armut schützt. Wobei nicht jeder Mensch Universitätsprofessor werden muss! Ein guter Handwerker, der sein Gebiet beherrscht, ist genauso wichtig.
  11. Von welcher Person hätten Sie gerne einen Steckbrief und warum?
    Es gibt bestimmt viele Menschen in unserer Stadt, die sich engagieren und durch Ihren Beruf, besondere Fähigkeiten oder uneigennützigen Einsatz die Lebensqualität in unserer Stadt positiv beeinflussen.
    Im Moment fällt mir keine Persönlichkeit ein, die mich neugierig machen würde.

Aus der Offenbach Post vom 29.04.2016:

Stadtverordnetenvorsteherin Christel Germer:

Herausforderungen als Lebenselixier

Dietzenbach – Schon seit Jahrzehnten wirkt Christel Germer in verschiedenen Rollen am Geschehen in der Kreisstadt mit. Schulelternbeirätin, Tafel-Vorsitzende, Stadtverordnete und Magistratsmitglied. Seit einer Woche ist sie Stadt- verordnetenvorsteherin. Von Norman Körtge

Ihr neues Amt hat Christel Germer gleich gefordert. Wenn auch noch in erträglicher Weise. Nachdem die CDU-Politikerin am vergangenen Freitag in der konstituierenden Stadtverordnetenversammlung einstimmig zur Stadtverordnetenvorsteherin gewählt worden war, mussten Anfang dieser Woche bereits die vorliegenden Anträge von Magistrat und Fraktionen gesichtet und den jeweiligen Fachausschüssen zugeteilt werden, die übernächste Woche tagen und die Germer jeweils bis zur Wahl eines Vorsitzenden leiten wird. „Es ist überschaubar“, sagt sie.

Neue Herausforderungen zu meistern gehören für die 1943 in Wien geborene Germer zum Lebenselixier. Einige prägende Kindheits- und Jugenderlebnisse haben ihr späteres Handeln mitbestimmt. Sie ist im zerbombten Wien aufgewachsen, hat Armenküchen mitbekommen. Das eine erklärt, warum sie Jahrzehnte später anfing, sich in der Europa-Union zu engagieren und für den europäischen Gedanken zu werben: „Die Europäische Union hat uns schon mehr als 70 Jahre Frieden gegeben“, sagt sie. Und die EU habe es möglich gemacht, dass sie politische Ämter in Deutschland übernehmen darf, denn die 72-Jährige hat nach wie vor nur die österreichische Staatsbürgerschaft. Die persönlichen Erinnerungen an Armut und Hunger nach Kriegsende waren mit ein Grund, warum sie von Anfang an an der Idee einer Dietzenbacher Tafel mitwirkte. Sie gehörte 2005 zu den Gründungsmitgliedern und ist bis heute deren Vorsitzende. „Das ist ein kleines mittelständisches Unternehmen mit 70 Mitarbeitern.“ Sie erzählt von Logistik, Lagerhaltung und Lebensmittelausgabe. 35 Kunden waren es zu Beginn, neulich 209, die freitags anstanden.

Nachdem Germer 1961 die Matura an der Handelsakademie der Wiener Kaufmannschaft abgelegt hatte, arbeitete sie zunächst als Exportsachbearbeiterin in der Stahlindustrie. Nach einer Reise 1964 nach Frankfurt, wo sie als Taufpatin für ihren Cousin geladen war, wurde sie heimisch im Rhein-Main-Gebiet. Sie nahm zunächst eine Stelle als Abteilungssekretärin beim Frankfurter Battelle-Institut an. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann Hans kennen, den sie 1967 heiratete. 1966 wechselte Germer zur Firma Mergenthaler Linotype und stieg dort zur Direktionssekretärin auf.

1972 zog es die Germers nach Dietzenbach. Zunächst kaufte das Ehepaar eine Eigentumswohnung im Starkenburgring, dem heutigen Spessartviertel, bevor es 1979 ein Einfamilienhaus am Steinberger Waldrand bezog. 1982 kam die erste Tochter zur Welt, 1985 die zweite. Schnell wuchs bei Christel Germer das Interesse an der Mitarbeit im Elternbeirat. Sowohl in der Astrid-Lindgren-Schule als auch an der weiterführenden Heinrich-Mann-Schule war sie Elternbeiratsvorsitzende. Über ein paar Monate hinweg sogar zeitgleich. „Im Team haben wir viel bewegt“, erinnert sie sich an die Zeit und ist voll des Lobes: „Dietzenbacher sind was Besonderes. Wenn die Leute etwas wirklich wollen, dann engagieren sie sich auch. Das habe ich immer bewundert.“

Über schulpolitische Diskussionen kam Germer schließlich 2005 zur Dietzenbacher CDU. Ein Jahr später wurde sie in die Stadtverordnetenversammlung gewählt, 2011 ebenso und anschließend in den Magistrat, dem sie nun fünf Jahre angehört hat. „Ich habe viel gelernt“, sagt sie über die Zeit. Bedauert habe sie, dass sie nach dem Ausscheiden von Dietmar Kolmer als Erster Stadtrat die einzige CDU-Stimme in dem Gremium gewesen ist. „Aber so ist das halt in der Opposition“, sagt sie und gibt sich ganz als Demokratin. Sie wäre auch gerne weiterhin im Magistrat geblieben, aber die Partei wollte sie lieber als Stadtverordnetenvorsteherin sehen. Dort möchte sie eine vernünftige Streitkultur etablieren. Davon, die AfD zu ignorieren, hält sie nichts. Man müsse sich mit ihr auseinandersetzen.

Hier geht es zum gesamten Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/neue-stadtverordnetenvorsteherin-christel-germer-schon-einiges-dietzenbach-gemeistert-6355950.html


Aus der Offenbach Post vom 08.09.2017:

Miteinander, nicht gegeneinander

Stadtverordnetenvorsteherin Christel Germer spricht über ihr Amt

Dietzenbach – Christel Germer (CDU) ist seit vergangenen April Stadtverordnetenvorsteherin der Kreisstadt. Von Ronny Paul

Die gebürtige Wienerin wirkt bereits seit Jahrzehnten in verschiedenen Rollen in Diezenbach, etwa als Schulelternbeirätin, Vorsitzende der Dietzenbacher Tafel und als Stadtverordnete. Der CDU trat sie 2005 bei und saß vergangene Legislaturperiode für die Christdemokraten im Magistrat. Im Interview spricht sie darüber, wie sie sich in ihrem Amt zurechtfindet und welche politischen Beobachtungen sie seit ihrem Antritt gemacht hat.

Frau Germer, Sie sind nun mehr als ein Jahr Stadtverordnetenvorsteherin. Haben Sie den Schritt jemals bereut?

Bisher kann ich mich auf eine gute Arbeit mit den Kollegen stützen, auch auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Gremienmanagement der Stadtverwaltung. Bisher gab es keinen großen Ärger, von daher kann ich nicht sagen, dass ich es bereut hätte.

Es macht Ihnen Spaß…

Ja, es ist eine interessante und verantwortungsvolle Aufgabe.Was sind die Schwierigkeiten, mit denen Sie sich herumschlagen müssen?Schwierig ist die Auslegung der Hessischen Gemeindeordnung (HGO), wenn die Kollegen da unterschiedlicher Meinung sind und wie man sie dann auch richtig anwendet. Jeder möchte gerne nach der HGO und nach der Geschäftsordnung handeln, aber nicht jeder ist da so ganz firm. Das sind – in Anführungsstrichen – die einzigen Schwierigkeiten.

Worin liegen die Unterschiede zur Arbeit im Magistrat?

Der Magistrat ist ein vorbereitendes Organ. Die meisten Vorlagen, die zur Entscheidung im Stadtparlament anstehen, kommen aus dem Magistrat. Der Magistrat ist ein Filter für all diese Dinge. Wenn der Magistrat einer Vorlage nicht zustimmt, kommt sie erst gar nicht in die Stadtverordnetenversammlung (SVV). Magistratsarbeit ist weniger in der Öffentlichkeit, aber ansonsten eine wichtige Aufgabe.

Und die SVV?

Was mir beim Parlament immer noch ein bisschen fehlt, ist die Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Die Bevölkerung kennt einen Bürgermeister, einen Ersten Stadtrat, aber das Parlament, das immer öffentlich tagt, hat meiner Ansicht nach zu wenig Besucher. Auch die Ausschussarbeit ist interessant. Mit der Einladung zur akademischen Feier „40 Jahre Seniorenbeirat“ erhielt ich eine entsprechende Broschüre, die ich aufmerksam studiert habe. Und da ist das Stadtparlament nur ganz beiläufig erwähnt. Obwohl der Seniorenbeirat ein Hilfsorgan der SVV ist. Der einzige, der das Parlament in seinem Grußwort würdigt, ist der Landesvorsitzende des Seniorenbeirats. Und das zeigt mir ein bisschen, dass das Parlament bei der Bevölkerung irgendwie nicht so gewichtet wird. Der Bürgermeister kann alleine gar nicht so wahnsinnig viel entscheiden, das Parlament hebt die Hände für Millionen von Geldern, die der Steuerzahler dann zu tragen hat. Die Bedeutung der SVV kommt mir da zu kurz.

Apropos Hilfsorgane: Wie ist der Jugendbeirat bislang angekommen?

Der Jugendbeirat ist schon angekommen. Aber die jungen Menschen sind in ihrer Berufsausbildung, sie entwickeln sich weiter, sie ziehen weg, sie gehen zum Studium. Da ist Kontinuität schwierig. Grundsätzlich haben wir ein Interesse daran, dass es den Jugendbeirat gibt, damit auch Vorstellungen und Wünsche der Jugend ins Parlament einfliessen. Aber wir haben in letzter Zeit gemerkt, dass es nicht ganz so funktioniert. Auch der Jugendbeirat selbst hat sich in der SVV geäußert, dass sie sich nicht genügend unterstützt fühlen. Die Unterstützung ist aber da, sie müssen sie auch wahrnehmen.

Haben Sie sich bei Ihrer Vorgängerin Kornelia Butterweck informiert, bevor Sie das Amt übernommen haben?

Wir haben ein gutes Verhältnis. Ich hätte mich überhaupt nicht zur Verfügung gestellt, hätte sie das weitermachen wollen. Ich habe mich auch bei ihr informiert, wie sie Sitzungen geleitet hat und mich auch intensiv mit dem Gremienmanagement befasst. Jede Sitzung bereite ich mit der Abteilung von Gudrun Gehrmann vor und bespreche alles. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit. Es kommen in der SVV trotzdem häufig noch viele Dinge hoch, die plötzlich geregelt werden müssen.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Printausgabe der Offenbach-Post vom 8. September.

Hier geht es zum vollständigen Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/stadtverordnetenvorsteherin-christel-germer-spricht-ueber-dietzenbach-8663727.html


Aus der Offenbach Post vom 26.09.2020:

„Helfer verdienen Respekt“

Interview mit der Dietzenbacher Tafel-Vorsitzenden

Hinter der Dietzenbacher Tafel liegen schwierige Monate. Wochenlang konnte der Verein wegen des Coronavirus keine Lebensmittel an Bedürftige ausgeben, vieles musste vor dem Neustart am 16. Juni anders konzipiert werden.

Dietzenbach – Trotz aller Widrigkeiten gibt es in diesem Jahr auch etwas zu feiern: das 15-jährige Bestehen der Dietzenbacher Tafel. Im Interview spricht Christel Germer, die Vorsitzende des Vereins, über dessen Anfänge und Zukunft.

Von Anfang an sind Sie die Vorsitzende der Dietzenbacher Tafel, haben die Gründung maßgeblich mitgestaltet und die ersten Schritte miterlebt. Welche Herausforderungen hatten Sie und Ihre Mitstreiter anfangs zu meistern?

Wir haben uns an der Langener Tafel orientiert, die damalige Leiterin hat uns ihr Konzept vorgestellt. Dann haben wir den Sprecher der hessischen Tafeln eingeladen, der uns behilflich war, eine entsprechende Vereinssatzung zu erstellen. Wichtig war uns schon damals, unter den Dachverband der Bundestafel zu schlüpfen und damit den Namen „Tafel“ verwenden zu dürfen. Zunächst mussten wir uns überlegen, wie und an wen wollen wir verteilen. Dann mussten wir uns auf den Weg machen und schauen, wo wir die Lebensmittel herbekommen.

Zahl der Kunden nahm ständig zu

Wie reagierten Bedürftige auf das damals neue Angebot in der Stadt?

Die Zahl der „Kunden“ nahm ständig zu. Hatten wir am Anfang 35 Personen, waren es nach einigen Monaten schon über 100. Dahinter standen immer Familien, die sehr oft viele Kinder hatten. Wir waren auch ein Treffpunkt für diese Menschen, denen wir Kaffee oder Tee und von diversen Bäckern gespendete Kuchenstückchen anboten.

Würden Sie sagen, dass sich die Arbeit von Ihnen und den anderen Helfern heute, 15 Jahre später, anders gestaltet als damals?

Mittlerweile kommen wöchentlich 150 Menschen zur Ausgabe, insgesamt versorgen wir sicher mindestens 800 Dietzenbacher. Und es hat sich alles weiterentwickelt. Unser Aktionsradius musste größer werden, um Lebensmittel zu bekommen, was mehr Personal und höhere Transportkosten bedeutet.

Die Arbeit der Tafel funktioniert nur dank ehrenamtlicher Helfer und viele Vereine haben Probleme, Menschen für ein Ehrenamt zu gewinnen. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Der Verein hat circa 200 Mitglieder, davon 60 bis 70 Aktive. Nun sind meine Mitstreiter fast alle mit mir alt geworden. Es gibt ganz viele, die von Anfang an dabei sind, und das weiß ich sehr zu schätzen. Natürlich haben wir einige durch Alter, Krankheit oder Tod verloren, die Menschen fangen bei uns ja erst im Rentenalter an. Aber wir haben auch immer wieder rüstige Rentner dazubekommen. Wohlgemerkt alles Menschen, die ohne jede Aufwandsentschädigung ehrenamtlich tätig sind. Sie verdienen alle großen Respekt.

Christel Germer: „Bisher findet alles im Freien statt, daher fürchten wir den Winter.“

Seit Monaten befindet sich die Tafel in einer so noch nie da gewesenen Situation. Wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre Arbeit aus?

Nach einer dreimonatigen Schließung haben wir ein Konzept erarbeitet, wodurch wieder eine Ausgabe im begrenzten Umfang möglich war. Seit dem 16. Juni sind wir nun an der frischen Luft, auf dem Kirchplatz der Gemeinde St. Martin, tätig. Eine Bewirtung der Kunden ist nicht mehr möglich. Die Helfer haben kaum Kundenkontakt, wir packen große Papiertüten und geben diese aus. Die Helfer sind in ihrer Zahl begrenzt und müssen die Abstände einhalten. Die Kunden werden nach bestimmten Uhrzeiten bestellt, haben Maskenpflicht und müssen ebenfalls Abstand halten. Bisher findet alles im Freien statt, daher fürchten wir den Winter.

Wie sehen Sie in Zukunft die Rolle der Tafeln, in Dietzenbach und deutschlandweit?

Als wir angefangen haben, gab es deutschlandweit 250 Tafeln, jetzt sind es fast 1000 – nicht mitgerechnet die vielen Einrichtungen, die sehr ähnliche Arbeit machen, aber nicht bei der Bundestafel organisiert sind. In Hessen hat sich daher ein Tafelverband gegründet, dem 55 Tafeln angehören. Grundsätzlich sind die Tafeln ja angetreten, um zu verhindern, dass Lebensmittel vernichtet werden. Verteilen an Bedürftige war dann die Konsequenz. Ich sehe es als schwierig an zu sagen, wie viele Menschen auf die Tafeln angewiesen sein werden. Bei hoher Arbeitslosigkeit natürlich mehr, bei Flüchtlingsströmen auch. Ich persönlich meine aber, dass es hier nicht zu einer staatlichen Regelung kommen sollte, auch wenn die Ehrenamtlichen oft an ihre Grenzen stoßen. Wir machen das freiwillig, ehrenamtlich und niemand hat einen Rechtsanspruch darauf, bei der Tafel bedient zu werden. Bei staatlichen Einrichtungen ist das anders. Man könnte meiner Ansicht nach weniger produzieren und wenn nötig die Sozialsätze erhöhen. Es würde vielleicht weniger weggeworfen und die Menschen könnten kaufen, was sie benötigen. Aber ich glaube, so einfach ist das nicht. Es wird immer Menschen geben, die mit ihrem Einkommen auskommen, andere nicht. Und die Produktion so auszurichten, dass nichts übrig bleibt, geht sicher auch nicht.

Was wünschen Sie sich für die Dietzenbacher Tafel, aber auch für die Menschen, die diese Unterstützung in Anspruch nehmen?

Für die Dietzenbacher Tafel wünsche ich mir ein kompetentes Nachfolgeteam, denn – wie bereits erwähnt – wir sind alle in die Jahre gekommen. Und immer ausreichend Ware, um die Menschen, die zu uns kommen, auch weiterhin zu unterstützen. Denn eines ist sicher: Durch unsere Hilfe bleibt den Menschen etwas Geld, um sich andere Teilhabe in der Gesellschaft leisten zu können.

Das Gespräch führte Lena Jochum.

Hier geht es zum vollständigen Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/helfer-verdienen-respekt-90053675.html


Aus der Offenbach Post vom 08.05.2021:

Christel Germer über ihre Amtszeit als Stadtverordnetenvorsteherin

„Da ist schon mal einer eingenickt“

Fünf Jahre lang war sie Stadtverordnetenvorsteherin. Seit Jahrzehnten beeinflusst sie in unterschiedlichen Positionen das Stadtgeschehen in Dietzenbach: Christel Germer.

Dietzenbach – Im Interview blickt sie zurück auf eine ereignisreiche Zeit in der Dietzenbacher Politik unter Pandemie-Bedingungen und gibt einen Einblick in das Amt der ersten Bürgerin der Stadt.

Frau Germer, welchen Einfluss hatte die Pandemie auf ihre Arbeit als Stadtverordnetenvorsteherin?

Corona hat einiges durcheinandergebracht. Vergangenes Jahr mussten wir eine Stadtverordnetenversammlung zu Beginn der Pandemie ausfallen lassen. Das war natürlich nicht schön. Es mussten passende Räumlichkeiten gefunden werden, da das Capitol noch umgebaut wurde. Vom Land Hessen wurden dann schnell Gesetze auf den Weg gebracht, sodass wir zumindest in der Lage waren, einen Haushalt für ein Jahr im Haupt- und Finanzausschuss auf den Weg zu bringen.

Was hat Ihnen die Verantwortung im Amt bedeutet?

Ich finde, dieses Amt ist eine ehrenvolle Aufgabe. Ich habe mich immer besonders gefreut, wenn ich zu Vereinsterminen und Vereinsfeiern eingeladen war und vielleicht auch noch um ein Grußwort oder eine kurze Rede gebeten wurde. Ich habe dabei die Vereinslandschaft gut kennengelernt. Bei den Ehrungen der Vereinsmitglieder hat man auch viel über die Arbeit und das Miteinander in den Vereinen erfahren. Besonders am Herzen lagen mir als glühender Europäerin die diversen Städtepartnerschaften. Genauso war es mit öffentlichen Auftritten und Repräsentationsaufgaben, wie Abiturfeiern, Schuljubiläen, Musikfesten, Einladungen der IHK, des Kreises Offenbach, dem Volkstrauertag und nicht zuletzt dem jährlichen Neujahrsempfang, der ja in diesem Jahr wegen der Pandemie ausgefallen ist. Schade, es wäre mein letzter gewesen.

Welches Wochenarbeitspensum hatten Sie?

Ich habe keine Schätzung, arbeitete immer nach Arbeitsanfall. Ich habe versucht, alle Dinge möglichst sofort zu erledigen, damit sich nichts ansammelt. Die Teilnahme an den Ausschusssitzungen war mir immer wichtig, um die Argumentation der Fraktionen zu den Anträgen zu erfahren. Es gibt ja nur Ergebnisprotokolle, deshalb kann man eben nicht alles nachlesen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Tagesordnung zusammengestellt?

Die Zusammenstellung der Tagesordnung unterliegt den Regeln der Hessischen Gemeindeordnung. Viel Spielraum hat ein Stadtverordnetenvorsteher da nicht, es sei denn, er verletzt seine durch das Amt vorgegebene Neutralität. Die Tagesordnung wird auch immer im Einvernehmen mit dem Magistrat erstellt. Auch hier unterstützt das Gremienmanagement. Mit dem amtierenden Bürgermeister konnte ich mich auch immer sehr gut abstimmen.

Was konnten Sie von Ihrem Platz aus während der Stadtverordnetenversammlung so alles beobachten?

Solange wir noch im Rathaussitzungssaal getagt haben, war alles überschaubarer. Die Mitglieder waren näher dran und sehr aufmerksam. Im Capitol ist schon mal einer eingenickt.

Welches Ereignis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Meine persönliche Einladung zur Verabschiedung von Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin und meine Ehrung mit dem Landesehrenbrief des Landes Hessen.

Welchen Tipp geben Sie ihrer Nachfolgerin?

Ich gebe keinen Tipp. Meine Nachfolgerin hat genug parlamentarische Erfahrung, um dieses Amt auf ihre Weise auszufüllen.

Bleiben Sie nach dem Ausscheiden als Stadtverordnetenvorsteherin der Kreisstadt mit weiterem Engagement erhalten?

Es hat mir Freude gemacht mich für die Stadt, in der ich seit 1972 lebe, mit viel persönlichem Engagement einzubringen. Ich bin immer noch im Landesvorstand der Senioren-Union, im Landesvorstand der Europa-Union und leite die Dietzenbacher Tafel seit 16 Jahren. Das werde ich langsam eher reduzieren.

Das Gespräch führte Lukas Reus

Hier geht es zum vollständigen Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/da-ist-schon-mal-einer-eingenickt-90526997.html

Meyer, Dr. phil. Klaus

  • hat ein Vierteljahrhundert in Dietzenbach in der Hessischen Jugendbildungsstätte gearbeitet
  • Engagement in der Solidaritätsarbeit für Nicaragua und Kuba
  • Vereinsaktiver beim Monimbó e.V.
  • Er setzte sich für das Wandbild aus Nicaragua (Künstlergruppe “Diriangen”) ein, was an das Rathaus gehängt werden sollte. Die politische Mehrheit verhinderte dies.

Aus der TAZ vom 21. 8. 1998:

Freiheit, die wir meinen
Vom hessischen Dietzenbach nach Berlin-Kreuzberg: Die von „rechtschaffenen“ Bürgern erzwungene Odyssee eines lateinamerikanischen Wandgemäldes  ■ Von Peter Nowak

Aus dem Urlaub zurückkehrende KreuzbergerInnen werden sich verwundert die Augen reiben. An der Häuserwand Oranienstraße Ecke Manteuffelstraße, dort wo seit den 80er Jahren politische Losungen und Wandmalereien nicht selten den Zorn von PolitikerInnen auf sich zogen, werden dann auf einem riesengroßen Gemälde Szenen aus der Geschichte des amerikanischen Subkontinents zu sehen sein.
Neben namenlosen Indigenas mit Fahnen und Spruchbändern dürfen die lateinamerikanischen Freiheitshelden der verschiedenen Epochen nicht fehlen: Simon Bolivar, Tupac Amaru, Sandino, Salvador Allende und natürlich Che Guevara. Das Bild erinnert nicht zufällig an die als Revolutionstrophäen aus dem sandinistischen Nicaragua der 80erJahre so beliebten Wandteller und Postkarten. Es wurde von vier KünstlerInnen aus der nicaraguanischen Stadt Masaya in Zeiten gemalt, als auch manche Stadtverwaltungen noch von Nicaragua libre schwärmten.

Dazu gehörte auch die rot-grün regierte hessische Kleinstadt Dietzenbach, die 1985 eine Städtepartnerschaft mit Masaya geschlossen hatte. Mehrere KünstlerInnen aus Masaya wollten ihrer deutschen Partnerstadt als Dank für die Solidarität mit Nicaragua ein Wandbild schenken. Bei der Dietzenbacher Stadtratsmehrheit stieß das Projekt auf große Zustimmung. Man wollte den KünstlerInnen zum 500. Jahrestag der „Entdeckung“ Amerikas im Jahre 1992 die Möglichkeit geben, dieses Jubiläum aus der Perspektive der „Entdeckten“ darzustellen. Das Gemälde sollte an exponierter Stelle an der Außenwandfläche des Dietzenbacher Rathauses angebracht werden. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Mit populistischen Parolen mobilisierten die örtliche CDU und eine extra zur Verhinderung des Gemäldes gegründete rechtspopulistische WählerInnengemeinschaft „Bürger für Dietzenbach“ die schweigende Mehrheit. In Briefen an alle Dietzenbacher WählerInnen hieß es: „Keine politischen Diffamierungsversuche am Rathaus oder an einem anderen Ort. Wir Dietzenbacher haben andere Sorgen.“ Ein CDU-Stadtverordneter wollte statt des exotischen Gemäldes ein Bild über die Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg am Rathaus anbringen lassen. Auf Druck der Opposition wurde eine BürgerInnenbefragung angesetzt, an der sich allerdings nur knapp 20 Prozent der Wahlberechtigten beteiligten, von allerdings 80 Prozent gegen das Bild votierten Klaus Mayer vom Verein „Monimbo e.V.“, der sich für das Gemäldes einsetzte: „Einer ganzen Reihe von Menschen in Dietzenbach war es leichtgefallen, die meist sehr positiv geschätzte Solidaritätsarbeit mit Spenden oder städtischen Zuschüssen zu unterstützen. Daß jetzt aber Künstler aus diesem Land ihre Sicht der Welt und ihre Version der Ursachen der Armut in ihrem Land, an dem wir mitschuldig sind, darstellten, das möchte man auch als hilfsbereiter Mensch nicht hinnehmen.“ Besonders die SPD habe sich wachsweich verhalten und insgeheim von dem Bild distanziert, meint Mayer. Auch an der SPD-Basis fanden die Parolen der GegnerInnen Gehör, wie das Debakel für die SPD bei den folgenden Kommunalwahlen zeigte.

Seit 1992 tingelte der Auslöser des ganzen Streits dann als Wanderbild quer durch die Republik. Mal machte es Station auf dem evangelischen Kirchentag, dann hing es für einige Zeit an einem Jenaer Einkaufszentrum, zuletzt in der Potsdamer Innenstadt. Ab Samstag soll es nun in Kreuzberg einen festen Platz bekommen. Mit Widerstand gegen das Gemälde ist dort nicht zu rechnen. Eher bestünde die Gefahr, daß es im bunten Kreuzberger Flair nicht richtig wahrgenommen wird, befürchtet ein Berliner Mitorganisator. Die Enthüllung und Präsentation wird mit einem Straßenfest begangen. Die Aktion läuft im Rahmen der bundesweiten „Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen“.

Hier geht es zum gesamten Artikel:
https://taz.de/Freiheit-die-wir-meinen/!1329387/


Aus der Zeit vom 3.4.1992:

Der Teufel an der Rathauswand
Ein Held, ein Schuft und ein umstrittenes Kunstwerk
Von Hartmut Blinten

Dietzenbach

Hans Schmandt, der örtliche Maler-Senior, wählte für den Eklat die Bühne. Bei einer Vernissage in der Galerie seines Künstlerfreundes Karl-Heinz Wagner schleuderte er vor ausgewähltem Publikum die Kulturpreis-Medaille dem Bürgermeister Jürgen Heyer wie einen Fehdehandschuh vor die Füße. Der Sozialdemokrat empörte sich zwei Tage später, als er die Sprache wiedergefunden hatte: “Das war ein blanker Affront gegen mich.”

Mit seinem Tiefschlag setzte der lokale Kunstpapst einen vorläufigen Höhepunkt in einem Streit, der dietzenbachtypische Züge trägt: ein Held (der Künstler Schmandt), ein Schuft (der Kommunist Weilmünster) und die Kanalgebühren im Hintergrund.

Auf der Strecke bleibt dabei voraussichtlich ein Wandbild, mit dem die Künstlergruppe “Diriangen”, benannt nach einem Nica-Häuptling aus der nicaraguanischen Partnerstadt Masaya, zum Kolumbus-Jubiläum 500 Jahre europäische Segnungen für Lateinamerika thematisieren will. Das Bildnis, das sieben Meter breit und siebzehn Meter hoch auf der Rathaus-Eckwand einen Blickfang bilden würde, führt den Passanten in Augenhöhe die Ahnengalerie lateinamerikanischer Revolutionäre vor: Simon Bolivar und Tupac Amaru, Sandino, Che Guevara und Salvador Allende.

Fidel Castro ging schon bei einem Vorentwurf über den Deich, ebenso verschwanden der Raketenkranz auf dem Kopf der Freiheitsstatue und die Totenköpfe im US-Banner. Nur noch für Weitsichtige erkennbar ist ganz oben links die Ausrottung der Hoch- und Primitivkulturen des Subkontinents. Der Gruppensprecher Noel Calero: “Wir malen die Realität, in der unsere Völker leben.”

Pate des Projekts auf Dietzenbacher Seite ist Richard Weilmünster, der letzte Ur-Dietzenbacher im Magistrat und der einzige kommunistische Stadtrat in Hessen. Er dichtete seine Pläne nach dem Prinzip ab, daß man Bäume am besten im Wald versteckt. Zur Diskussion über jede einzelne Entwicklungsstufe lud er öffentlich ein, aber kaum jemand kam – vor allem nicht der Dietzenbacher Künstlerkreis um Schmandt und Wagner. 15 000 Mark Komplementärfinanzierung der Stadt wurden im Etat verankert, aber die CDU-Opposition erkundigte sich lediglich, warum die Summe beim Untertitel “Bürgerhaus” verbucht wurde. Aus der insgesamt neunstündigen Diskussion über die Bildentwürfe zog sich der CDU-Vertreter nach fünfzehn Minuten zurück.

Feuer bekam Weilmünster dann aber aus einer Ecke, mit der er nicht gerechnet hatte. Ein Schmandt-Freund, der Graphiker Günther Schwinn, machte mobil: “Hier geht es um eine Partnerschaft mit Sandiriisten, die von der Mehrheit der Bevölkerung nicht getragen wird.” Er investierte 1200 Mark in eine sechsspaltige Anzeige im Stadtanzeiger (“Wir sind dagegen”) und sammelte über 3000 Unterschriften. Schwinn über seinen Erfolg: “Da ist so viel anderes passiert, da war das Wandbild nur noch der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat.” Das andere sind vor allem die neuen Kanalgebühren, die – ökologisch gesehen – sehr fortschrittlich, aber so kompliziert sind, daß sie die Stadtverwaltung nicht in den Griff bekommt. Seit mehr als einem Jahr jagen sich Gebührenbescheide und Widersprüche. Schaden hat zwar außer der Stadt noch niemand erlitten, aber die Bürger sind pikiert.

Der Teufel an der Rathauswand – Seite 2
Hans Schmandt, der das Wandbild nicht für “ein Werk der Kunst, sondern der Propaganda” hält, erinnert sich an die Zeiten, als sich die städtische Kulturpolitik im Grußwort des Bürgermeisters bei Vernissagen erschöpfte: “Früher gab es eine offene Politik. Da konnte man leben und leben lassen. Heute ist das alles einseitig ausgerichtet.” Sein Künstlerkreis sagte vorsorglich die Weihnachtsausstellung 1992 im Rathaus ab. Kollege Wagner, Genosse seit 23 Jahren, gab nach der ersten von zwei SPD-Versammlungen zu dem Wandbild sein Parteibuch zurück.

In der vergangenen Woche kapitulierte Richard Weilmünster nun mit einer persönlichen Erklärung in der Stadtverordnetenversammlung vor so viel Widerstand: “Den allgemeinen Unmut der Bevölkerung gegen dieses Projekt habe ich unterschätzt.” Er nahm Abschied von seiner Idee, mit dem Wandbild aus der Spenden-Einbahnstraße Dietzenbach-Masaya einen lebendigen Dialog zwischen hüben und drüben zu entwickeln: “Mir ging es um mehr, als nur unsere Position als Gönner bestätigen zu lassen.”

In der Niederlage erkannte der Stadtrat aber noch einen Funken Hoffnung. Vielfach habe sich, so sinnierte er, der Protest nicht gegen das Bild als solches, sondern gegen die Rathauswand als Malfläche gewandt. Damit hätten sich die Dietzenbacher erstmals in sechzehn Jahren mit dem Rathaus auf der grünen Wiese, dem Symbol einer umstrittenen städtebaulichen Entwicklung, identifiziert.

Für die nächste Parlamentssitzung kündigte Weilmünster “geeignete Vorschläge” der Unabhängigen Kommunisten “für andere Formen der Herangehensweise” an das Thema Kolumbus-Jubiläum an. Hartmut Blinten

Hier geht es zum gesamten Artikel:
https://www.zeit.de/1992/15/der-teufel-an-der-rathauswand/komplettansicht

Proescholdt, Joachim

  • 1927–2015 Pfarrer i.R.
  • Nach Reichsarbeitsdienst, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft Abitur im Augustinergymnasium in Friedberg,
  • Studium der Theologie in Marburg, Mainz und Basel/Schweiz.
  • Ab 1953 Vikariatszeiten in Niederflorstadt/Wetterau und an der Lutherkirche in Frankfurt am Main,
  • 1955 Ordination in der Stadtkirche in Rüsselsheim,
  • 1956 Pfarrdienst in Obersaulheim und Udenheim,
  • 1957-1972 in Wörrstadt und Rommersheim/Rheinhessen,
  • im Nebenamt stellvertretender Dekan, zeitweilig: Propsteibeauftragter für Männerarbeit in Rheinhessen,
  • Öffentlichkeitspfarrer und Dekanatsjugendpfarrer, Mitwirkung an kirchlichen Sendungen im Südwestfunk.
  • 1972-1992 Pfarrer an der St. Katharinenkirche Frankfurt am Main, Initiator der Stadtkirchenarbeit.
  • Lebte seit seiner Pensionierung 1992 in Dietzenbach.
  • Seit 1991 als Senioratsmitglied des Ev.-luth. Predigerministeriums Vorträge zur Frankfurter Kirchengeschichte
  • und Leitung von Studienreisen im In- und Ausland.

Veröffentlichungen:

  • Menschen – Skulpturen von Franziska Lenz-Gerharz, Frankfurt am Main o. D.;
  • St. Katharinen zu Frankfurt am Main, herausgegeben: Frankfurt am Main 1981, ²1993;
  • St. Katharinen zu Frankfurt am Main, Kunstführer, München 1982;
  • Dein Himmel ist wie ein Teppich – Glasmalereien von Charles Crodel in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1988;
  • Evangelischer Kirchenkalender für Frankfurt am Main – Daten zur Frankfurter Kirchengeschichte, Schriftenreihe des Ev. Regionalverbandes 21, Frankfurt am Main 1996;
  • Der Staat ist das Volk – Evangelische Pfarrer und Theologen in der Frankfurter Nationalversammlung, in: Martin Zentgraf (Hg.), Frankfurter Paulskirche 1848 – 1998 – Zur Geschichte des Paulskirchen-Parlaments, Schriftenreihe des Ev.-luth. Predigerministeriums 4, Frankfurt am Main 1997;
  • Was sie dachten, was sie glaubten – Theologien und Frankfurter Theologen im 20. Jahrhundert, in: Jürgen Telschow (Hg.), Alles hat seine Zeit, 100 Jahre evangelische Kirchengemeinden im alten Frankfurter Stadtgebiet, 100 Jahre evangelischer Gemeindeverband, Frankfurt am Main 1999;
  • Frankfurter Juden – Von der Ausgrenzung bis zur Emanzipation. Vom Antisemitismus zur Shoah, in: Joachim Proescholdt (Hg.), Minderheiten in Frankfurt am Main – Vom Umgang mit Andersdenkenden – Andersglaubenden – Anderslebenden, Schriftenreihe des Ev.-luth. Predigerministeriums 5, Frankfurt am Main 2000.
  • Emporenmalerei aus St. Katharinen – Ein Frankfurter Kleinod, Studienband zur Frankfurter Geschichte 56, Frankfurt am Main 2007.
  • zusammen mit Jürgen Telschow, Frankfurts evangelische Kirchen im Wandel der Zeit, Frankfurt am Main 2011.

Elmi, Nicola

Von San Michele in Italien nach Dietzenbach

Nicola Elmi (geb. 27.2.1941)


Aus dem Heft “Neue Heimat Dietzenbach – Auf den Spuren der ersten Gastarbeiter” 2001:

Warum in die Fremde?

Wir lebten damals mit acht Geschwistern (vier Buben und vier Mädchen) in San Michele im Kreis Bari in Apulien, tief im Süden Italiens. Ich war 19 Jahre alt, arbeitete als Maurergehilfe und wollte mich verändern und sehen, was es in der Welt gibt. Und natürlich sah ich auch eine Chance, mehr Geld zu verdienen.

In San Michele gab es im Arbeitsamt ein Anwerbebüro für Arbeit in Deutschland. Mein Schwager war schon seit 1958 in Frankfurt bei der Gärtnerei Pier tätig und wollte mich auch gern nachholen.

Ich entschloss mich im Mai 1960 einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben und erhielt eine Fahrkarte nach Deutschland. Die erste Station auf der dreitägigen Bahnreise war Verona. Dort wurden wir ärztlich untersucht, und weiter ging es – mit wenig Gepäck, 5000 Lire in der Tasche, mit einem “Fresspaket” und natürlich italienischem Wein in einem
vollbesetzten Zug nach Frankfurt. Uns war es während der Fahrt nicht langweilig. Wir waren alle neugierig, aber auch
befangen und fragten uns, was uns wohl am Ziel erwarten würde.

Mein Schwager hat mich in Frankfurt in Empfang und in Obhut genommen. Er brachte mich gleich zu meinem neuen Arbeitgeber. Die erste Zeit war wie ein Sprung in kaltes Wasser: Meine Arbeitsstelle war in der besagten Gärtnerei Pier. Die Hilfe meines Schwagers war dringend nötig, denn ich konnte kein Wort deutsch und habe zuerst gelernt, mit Händen und Füßen zu reden.
Die Anmeldeformalitäten wurden übrigens durch den Arbeitgeber erledigt. Gewohnt haben wir zu 12 Personen (alles Italiener) im Keller der Gärtnerei. Es gab Etagenbetten(und Ratten). Die sanitären Einrichtungen waren äußerst bescheiden. Gegessen wurde, was die Chefin gekocht hat.
So lernte ich die deutsche Küche kennen und die Unterschiede zur italienischen. Mein erster Lohn betrug 1,00 DM pro Stunde bei einer Sechzig-Stunden-Woche. Von dem Geld habe ich meinen anfangs sehr bescheidenen Lebensunterhalt bestritten und meine Eltern und Geschwister in Italien unterstützt.

Langsam lernte ich deutsch und wurde mit meiner neuen Umgebung vertraut.
Inzwischen hatte auch ein anderer Bruder von mir den Entschluss gefasst nach Deutschland zu gehen und arbeitete als Schlosser bei Rowenta in Offenbach. Dort wurde Personal gesucht. Ich bewarb mich im Januar 1961 und habe am 28.2.1961 bei Rowenta angefangen.

Ich arbeitete morgens in der Kantine und nachmittags im Kundendienst und war dort zuständig für Verpackung, Post- und Warentransport. Mein Anfangslohn betrug 2,30 DM pro Stunde. Ich habe mich bei Rowenta so weit qualifiziert, dass ich auch im Auslandsservice für Gerätereparaturen und Schulung von Servicepersonal tätig sein konnte.

Zur Arbeit bin ich entweder mit dem Firmenbus oder bei gutem Wetter meist mit dem Rad gefahren. Und schließlich hatte ich auch ein Auto. Übrigens bin ich seit 1963 Mitglied der IG-Metall.

Aus dem Keller der Gärtnerei in Frankfurt bin ich in die Nähe meiner Arbeitsstelle nach Offenbach in die Herrnstraße umgezogen und habe dort bis 1964 zusammen mit meinem Bruder gewohnt. Die Miete für mein Zimmer betrug 40 DM im Monat.

Ich habe dann noch einmal gewechselt und bin seit September 1985 bei Siemens in Offenbach im Schrankgerüstbau für Hoch, Mittel- und Niederspannungsanlagen tätig gewesen. Inzwischen hatte sich mein Gehalt auf 2.700 DM
erhöht. Bei Siemens hatte ich auch eine verantwortungsvolle Arbeit, die mir viel Spaß gemacht hat.
Meine Frau, eine Dietzenbacherin, habe ich 1961 bei Rowenta kennen- und lieben gelernt. Wir haben 1964 geheiratet und sind dann nach Dietzenbach gezogen. Unsere beiden Töchter sind in Dietzenbach geboren und in die Schule gegangen.

Bisher habe ich keine Zeit gefunden, einen Deutsch-Sprachkurs zu besuchen. Ich habe, was man an Deutsch für die Arbeit brauchte, schnell gelernt, konnte mich bald gut verständlich machen und hatte dann später in meiner Frau eine gute Lehrerin.

In Dietzenbach habe ich mich von Anfang an intensiv im Ausländerkomitee engagiert, habe manches Fest organisiert und mich für Erleichterungen beim Sport für die AusIänder und u. a. auch für Gottesdienste in italienischer Sprache eingesetzt.

Mein Hobby ist der Radsport. Ich gehöre dem Dietzenbacher Radclub seit 1993 an und habe dort auch Radtouren organisiert, z. B. nach Italien. Pro Jahr bin ich zwischen 8000 und 15000 Kilometer unterwegs. Außerdem wandere
ich und habe auch noch Zeit für unseren Garten.

Durch den Radsport habe ich die Gelegenheit gehabt, viel von Deutschland und Europa zu sehen: ganz Hessen, besonders den Odenwald, die Bergstraße, den Vogelsberg, den Schwarzwald, das Elsaß, Frankreich und nicht zuletzt
Italien. Wir haben auch öfter Urlaub gemacht und waren u.a. im Bayrischen Wald, in Füssen, in Österreich…

Der Lebensabend

Ich bin inzwischen pensioniert und kann endlich zusammen mit meiner Frau mein eigenes Programm machen.
Wir freuen uns an unseren beiden Enkeln. Gott sei Dank haben wir jetzt für unsere Enkel mehr Zeit als damals für unsere Kinder.

Früher bin ich regelmäßig nach Italien gefahren, habe meine Eltern und meine Schwestern besucht und unterstützt. In diesem Januar war ich, nach sieben Jahren Pause, wieder in meiner alten Heimat und habe mich gefreut, alles wie früher anzutreffen.

Ich erfreue mich noch bester Gesundheit und kann nur hoffen, dass es noch lange so bleibt. Ich gebe mir durch meine Lebensweise mit viel Sport und den anderen Hobbys alle Mühe, meine Spannkraft und Gesundheit zu erhalten.


Aus der Stadtpost vom 19.9.2018:

Ausstellung im Museum für Heimatkunde und Geschichte widmet sich der Geschichte der Gastarbeiter in Dietzenbach
„Nicht die Mutter aller Probleme“

Dietzenbach (bw) – Bei einer Ausstellung im Museum für Heimatkunde und Geschichte in der Darmstädter Straße 7+11 in Dietzenbach können Besucher derzeit einen Einblick in die Geschichte der Gastarbeiter bekommen. Die Eröffnung war aber auch geprägt vom ganz aktuellen Zeitgeschehen.

„Mein Blut fließt dort, wo meine Kinder sind“, antwortet Nicola Elmi auf die Frage, ob seine Heimat eher Deutschland oder Italien ist. Er ist einer der vielen „Gastarbeiter“, die in den sechziger Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sein Weg hat ihn letztlich nach Dietzenbach geführt und er ist geblieben.

In den Jahren von 1950 bis 1970 boomte die deutsche Industrie und Hilfskräfte wurden dringend gesucht. Um Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, der Türkei oder Spanien nach Deutschland zu werben , wurden ab 1955 Anwerbeabkommen zwischen den Ländern geschlossen.

Der Ausländerbeirat Dietzenbach (ALB) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Gastarbeiter in Dietzenbach aufzuarbeiten und in einer Ausstellung unter dem Namen „Neue Heimat Dietzenbach 2.0 – Auf den Spuren der ersten Gastarbeiter“, zu präsentieren. Sie baut auf der Arbeit von Günter Jahn, Gisela Mauer Dorothea Kutschera auf und ist durch die enge Zusammenarbeit zwischen dem Heimat- und Geschichtsverein Dietzenbach und dem Ausländerbeirat Dietzenbach zustande gekommen.

Die Gastarbeiter lebten in ihren Ländern oft in armen Verhältnissen, deshalb machten sich viele Tausende auf den Weg, um in Deutschland Geld zu verdienen. So wie Elmi, der mit seinen sieben Geschwistern in der Gegend von Bari lebte. Sein Bruder arbeitete bereits in einer Gärtnerei in der Nähe von Frankfurt und animierte ihn, ebenfalls nach Deutschland zu kommen.

Eigentlich sollten die „Gastarbeiter“ nach Ablauf ihres Vertrages wieder zurück in ihre Heimat gehen, doch sehr viele haben sich entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Sie haben hier Familien gegründet, ihre Kinder besuchten deutsche Schulen, absolvierten eine Ausbildung oder studierten an deutschen Hochschulen und haben inzwischen selbst ihre eigenen Familien gegründet, Familien mit Migrationshintergrund. Dietzenbach ist eine Stadt, in der mehr als die Hälfte der Einwohner einen Migrationshintergrund haben, darunter auch sehr viele Nachkommen aus „Gastarbeiterfamilien.“

Der Vorsitzende des Heimatvereins, Hans-Erich Scholze, begrüßt die Gäste im komplett gefüllten Saal im Heimatmuseum. „Die Ausstellung ist für Dietzenbach sehr wichtig, denn mehr als 50 Prozent der Bürger haben einen Migrationshintergrund und sie werden unsere gemeinsame Stadt immer weiterentwickeln und verbessern.“

Ziel der Ausstellung sei, dass die Besucher aus erster Hand erführen, wie alles angefangen habe und wie sich die ehemaligen Gastarbeiter heute in Dietzenbach fühlten. Dazu hatte der Ausländerbeirat Zeitzeugen und Nachkommen der Zeitzeugen eingeladen, die in einer spannenden und sehr amüsanten Diskussion in Anekdoten über ihre Ankunft und ihr Leben in dem neuen Land berichteten.

Großes Lob spendet eErster Stadtrat Dieter Lang: „Es ist ein großer Erfolg, dass die Ausstellung zustande gekommen ist.“ Für die Stadt sei diese Ausstellung sehr wichtig, denn sie unterstreiche die Vorbildfunktion Dietzenbachs im Hinblick auf Integration. Den Akteuren sei es gelungen, den ersten Schritt in die Aufarbeitung der Dietzenbacher Geschichte nach 1945 zu machen. Doch Lang sieht den Integrationsprozess noch nicht abgeschlossen „Das Thema der Integration beschäftigt viele Menschen und es dauert länger, als wir erahnt haben“, sagt er. Er wünsche sich, dass die Aufarbeitung weitergeführt werde und in ferner Zukunft eine Ausstellung unter dem Namen „Neue Heimat Dietzenbach 3.0“ stattfinden könnte.

Der Vorsitzende des ALB, Gengiz Hendek, dankt den Mitgliedern des Heimatvereins und des ALBs für die hervorragende Zusammenarbeit. Er wies auf die kommende Abschlussveranstaltung am 14. Oktober hin, zu der alle Beteiligten noch mal eingeladen sind. Moderiert wurde der Abend von Olga Lucas Fernández vom Ausländerbeirat aus Rodgau. Ihre ersten Gesprächspartner waren Gisela Mauer, langjährige Geschäftsführerin des ALB und Gudrun Rahn, Ehefrau von Günter Rahn. Sie berichteten von der ersten Ausstellung, die 2001 zum Hessentag eröffnete wurde, der Kontaktaufnahme mit Gastfamilien, den Interviews bis hin zur fertigen Präsentation. Mauer sieht die Ausstellung genauso aktuell wie 2001, denn heute wie damals verlassen Menschen ihr Heimatland für eine bessere und sichere Zukunft.

Doch sie sieht nicht in der Migration das Übel: „Migration war weder in den sechziger Jahren, noch ist sie heute die Mutter aller Probleme, sondern sie ist die Folge von Armut, ungerechter Verteilung, Kampf um Land und Ressourcen und Macht.“

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war die Diskussion mit Nicola Elmi, Paulina Petridou und Ezgi Küpelikelinc. Elmi ist Gastarbeiter der ersten Generation und er berichtete über seine Ankunft, seine Arbeit und seinen Werdegang.

Seine Frau, die aus Dietzenbach stammt, hat er auf seiner Arbeitsstelle kennengelernt. Er wohnt in Dietzenbach und fühlt sich hier sehr wohl. „In Italien kenne ich nur noch meine Familie, sonst keinen. Da bin ich immer der Deutsche“. Aber er fühlt sich auch nicht als richtiger Deutscher. „Ich bin ein Bürger dieser Welt“, sagte er und bekam dafür riesigen Applaus vom Publikum.

Petridou kannte Theo Papadopolous sehr gut. Er war ihr Trauzeuge und Patenonkel ihrer Kinder. Sie fühlt sich sehr wohl in Deutschland und wenn sie in ihr Heimatland kommt, dann ist das wie Urlaub für sie. Ezgi Küpelikelinc ist die Enkelin von Abdi Küpelikilinc. „Ich bin jeden Sommer nach Düzbag in die Türkei geflogen und habe meine Großeltern besucht.“

Dass sie in zwei Kulturen aufgewachsen ist, sieht sie als Vorteil. Sie spricht Türkisch und Deutsch und ist in der Ausbildung zur Mittelstufenlehrerin. „Man hat nie das komplette Zugehörigkeitsgefühl. In der Türkei sind wir die Deutschen. Hier in Dietzenbach fühle ich mich akzeptiert und sehr wohl.“ Alle drei sind Menschen mit Migrationshintergrund.

Die erste Generation ist damals vor Armut nach Deutschland geflohen. Auch heute noch kommen Menschen die vor Krieg, Armut und Hunger fliehen nach Deutschland.

Doch statt die Menschen gastfreundlich zu empfangen, werden und wurden Gastarbeiter und Migranten immer wieder diskriminiert oder verfolgt.

Wie sie die Bilder aus Chemnitz empfinden, wollen wir wissen. „Das ist abscheulich“, sagt Elmi. „Wir müssen den Menschen Arbeit geben, damit sie sich eine Existenz aufbauen können.“

„Ich finde es sehr befremdlich“, sagt Küpelikelinc. „Hier in Dietzenbach fühle ich mich sehr wohl und sicher, aber wenn ich in Chemnitz wohnen würde, wäre es sicher anders.“

Hier geht es zum gesamten Artikel:
https://www.stadtpost.de/stadtpost-dietzenbach/mutter-aller-probleme-id69063.html


Aus der Offenbach Post vom 18.9.2018:

Dietzenbach – Bei einer Ausstellung im Heimatmuseum können Besucher derzeit einen Einblick in die Geschichte der Gastarbeiter bekommen. Die Eröffnung war aber auch geprägt vom ganz aktuellen Zeitgeschehen. Von Burghard Wittekopf

„Mein Blut fließt dort, wo meine Kinder sind“, antwortet Nicola Elmi auf die Frage, ob seine Heimat eher Deutschland oder Italien sei. Er ist einer der vielen Gastarbeiter, die in den Sechzigerjahren nach Deutschland gekommen sind. Von 1950 bis 1970 boomte die deutsche Industrie und Hilfskräfte wurden dringend gesucht. Der Ausländerbeirat Dietzenbach (ALB) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Gastarbeiter aufzuarbeiten und in einer Ausstellung unter dem Namen „Neue Heimat Dietzenbach 2.0 – Auf den Spuren der ersten Gastarbeiter“ zu präsentieren. Sie baut auf der Arbeit von Günter Jahn, Gisela Mauer sowie Dorothea Kutschera auf und ist durch die enge Zusammenarbeit zwischen dem Heimat- und Geschichtsverein und dem Ausländerbeirat zustande gekommen.

Die Gastarbeiter lebten in ihren Ländern oft in armen Verhältnissen, deshalb machten sich viele auf den Weg, um in Deutschland Geld zu verdienen. So wie Elmi, der mit seinen sieben Geschwistern in der Gegend von Bari lebte. Sein Bruder arbeitete bereits in einer Gärtnerei in der Nähe von Frankfurt und animierte ihn, ebenfalls nach Deutschland zu kommen.

Die Gastarbeiter gründeten in Deutschland Familien, ihre Kinder besuchten deutsche Schulen, absolvierten eine Ausbildung oder studierten und haben inzwischen ihre eigenen Familien gegründet. Der Vorsitzende des Heimatvereins, Hans-Erich Scholze, begrüßt die Gäste im komplett gefüllten Saal im Heimatmuseum. „Die Ausstellung ist für Dietzenbach sehr wichtig, denn mehr als 50 Prozent der Bürger haben einen Migrationshintergrund und sie werden unsere gemeinsame Stadt immer weiterentwickeln und verbessern.“ Ziel der Ausstellung ist, dass die Besucher aus erster Hand erfahren, wie alles angefangen hat und wie sich die ehemaligen Gastarbeiter heute in der Kreisstadt fühlen.

Lob spendet Erster Stadtrat Dieter Lang: „Es ist ein großer Erfolg, dass die Ausstellung zustande gekommen ist.“ Den Akteuren sei es gelungen, den ersten Schritt in die Aufarbeitung der Dietzenbacher Geschichte nach 1945 zu machen. Doch Lang sieht den Integrationsprozess noch nicht abgeschlossen „Das Thema beschäftigt viele Menschen und es dauert länger, als wir erahnt haben.“ Er wünsche sich, dass die Aufarbeitung weitergeführt wird und eine Ausstellung unter dem Namen „Neue Heimat Dietzenbach 3.0“ stattfinden kann. Der Vorsitzende des ALB, Cengiz Hendek, dankt den Mitgliedern des Heimatvereins und des ALB für die Zusammenarbeit. Er weist auf die Abschlussveranstaltung am 14. Oktober hin, zu der alle Beteiligten eingeladen sind.

Moderiert wird der Abend von Olga Lucas Fernández vom Ausländerbeirat aus Rodgau. Ihre ersten Gesprächspartner sind Gisela Mauer, langjährige Geschäftsführerin des ALB, und Gudrun Rahn, Ehefrau von Günter Rahn. Sie berichten von der ersten Ausstellung, die 2001 zum Hessentag eröffnet wurde, der Kontaktaufnahme mit Gastfamilien, den Interviews bis hin zur fertigen Präsentation. „Migration war weder in den Sechzigerjahren noch ist sie heute die Mutter aller Probleme, sondern sie ist die Folge von Armut, ungerechter Verteilung, Kampf um Land und Ressourcen und Macht“, sagt Mauer.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist die Diskussion mit Nicola Elmi, Paulina Petridou und Ezgi Küpelikilinc. Elmi berichtet über seine Ankunft, seine Arbeit und seinen Werdegang. Seine Frau, die aus Dietzenbach stammt, hat er auf seiner Arbeitsstelle kennengelernt „In Italien kenne ich nur noch meine Familie, sonst keinen. Da bin ich immer der Deutsche“. Aber er fühlt sich auch nicht als richtiger Deutscher. „Ich bin ein Bürger dieser Welt.“ Petridou kannte Theo Papadopolous sehr gut. Er war ihr Trauzeuge und Patenonkel ihrer Kinder. Sie fühlt sich sehr wohl in Deutschland und wenn sie in ihr Heimatland kommt, dann ist das wie Urlaub für sie.

Ezgi Küpelikilinc ist die Enkelin von Abdi Küpelikilinc. „Ich bin jeden Sommer nach Düzbag in die Türkei geflogen und habe meine Großeltern besucht.“ Dass sie in zwei Kulturen aufgewachsen ist, sieht sie als Vorteil. Sie spricht Türkisch und Deutsch und ist in der Ausbildung zur Mittelstufenlehrerin. „Man hat nie das komplette Zugehörigkeitsgefühl. In der Türkei sind wir die Deutschen, in Dietzenbach fühle ich mich akzeptiert und sehr wohl.“

Über die Bilder aus Chemnitz sagt Elmi: „Das ist abscheulich, wir müssen den Menschen Arbeit geben, damit sie sich eine Existenz aufbauen können.“ „Ich finde es sehr befremdlich“, sagt Küpelikilinc. „Hier in Dietzenbach fühle ich mich sehr wohl und sicher, aber wenn ich in Chemnitz wohnen würde, wäre es sicher anders.“

Hier es es zum vollständigen Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/nicht-mutter-aller-probleme-10249701.html

Siedentopf, Prof. Dr. med. Hans-Georg

  • Frauenarzt
  • Ehrenmitglied und Langjähriges Vorstandsmitglied der pro familia Hessen
  • Rechtsritter des Johanniterordens
  • Träger des Bundesverdienstkreuzes

Laudatio vom Bürgermeister beim Neujahresempfang 2013:
Der Bundesverdienstordensträger kommt aus dem Bereich Medizin.

Im Mai wurde Prof. Dr. med. Hans-Georg Siedentopf mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens ausgezeichnet.
Diese Auszeichnung erhielt Prof. Siedentopf vor allem wegen seiner herausragenden Verdienste als langjähriger Leiter der Universitätsfrauenklinik in Frankfurt von 1977 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1999 sowie für sein ehrenamtliches Engagement seit fast vier Jahrzehnten für Pro Familia Hessen.
Er hat in Frankfurt eine umfangreiche Poliklinik aufgebaut, die bundesweit Maßstäbe gesetzt hat für die ganzheitliche Betreuung entbindender Frauen.
In diesem Kontext hat er sich auch für die Familienberatungsstelle Pro Familia Hessen eingesetzt, deren Vorsitzender er
mehr als 20 Jahre war. Die Organisation hilft bei Fragen zu Sexualität und Partnerschaft, Schwangerschaft und Familienplanung.
Der Gynäkologe hat viele Neugründungen von Pro Familia begleitet und gefördert – so gehört er auch zu den Gründungsmitgliedern von Pro Familia Dietzenbach/Kreisverband Offenbach, die bereits im Herbst 2009 ihr 30-jähriges Jubiläum feiern konnte.

Durch sein Fachwissen hat er in zahlreichen Vorträgen die Arbeit der Organisation unterstützt. In seiner Amtszeit wurde zudem in Hessen als erstem Landdesverband eine Stelle zur Koordination der Sozialpädagogik eingerichtet.

In Dietzenbach ist Prof. Hans-Georg Siedentopf in der Öffentlichkeit recht selten in Erscheinung getreten – bezeichnend ist ein Zitat von ihm in der Frankfurter Rundschau anlässlich seines Ruhestandes im August 1999:
„In Dietzenbach, da bin ich eigentlich nur der Mann von der Frau Doktor.“ Die ich hiermit ganz herzlich begrüße – liebe Frau Dr. Siedentopf!


Und Ihnen, sehr verehrter Herr Professor Siedentopf nochmals
meine herzlichen Glückwünsche und meine aufrichtige Anerkennung!


Ein Nachruf aus dem DFPFG (Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe):

Abschied von Hans-Georg Siedentopf
Hans-Georg Siedentopf (1936-2021) war einer der ersten Psychosomatiker in Deutschland, der das Fach Gynäkologie um die psychosoziale Sichtweise erweiterte. Einige von uns werden ihn noch von den ersten Kongressen in Mainz und Frankfurt kennen, Tagungen „… etwas entfernt von der streng gynäkologischen Tradition“, wie er es 1984 in seiner Begrüßung zur Frankfurter Tagung selbst formulierte. Nach seinem Medizinstudium in Heidelberg, München, Wien und Göttingen absolvierte er seine Facharztausbildung in Göttingen und promovierte dort – unterbrochen von einem Forschungsjahr am Max-Planck-Institut in Freiburg.

Ab 1969 prägte er als Oberarzt in der Universitätsfrauenklinik Frankfurt die Geburtshilfe, die Poliklinik, und nicht zuletzt das Studium der Frauenheilkunde, wie ich als Studentin erfahren durfte.
Wir erinnern uns an einen zugewandten, warmherzigen, sorgsamen und anteilnehmenden Menschen, der nie eine schnelle Antwort zu den Problemen fand und nie beweisen wollte, dass in der Medizin und Psychosomatik „alles geklärt“ ist.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war für Frauen mit ungewollter Schwangerschaft das Erleben der frühen Schwangerschaft angstmachend und bedrohlich. Beratung und Offenheit in dieser Frage zur Lösung des Konflikts auch durch einen Schwangerschaftsabbruch waren „tabu“. Er engagierte sich sehr früh bei der pro familia Hessen und kämpfte für die Möglichkeit einer guten Aufklärung, Beratung und der Durchführung eines ambulanten Schwangerschaftsabbruchs. Seine couragierte Tätigkeit in der Beratung und als langjähriges Vorstandsmitglied des hessischen Landesverbandes führte auch schließlich dazu, dass die Betreuung von Frauen mit Schwangerschaftskonflikt in Deutschland nunmehr menschlicher geworden ist. Für diese Tätigkeit erhielt er 2012 das Bundesverdienstkreuz.

Die Gespräche im Familienkreis mit seiner Frau Dörte und den Kindern Friederike und Jan-Peter waren immer vom „Geist“ der Familie Siedentopf bestimmt: Freundlichkeit, Offenheit, Engagement und Zugewandtheit.

Wir trauern um ein Mitglied, das sich nie in den Vordergrund drängte, der aber die gelebte Psychosomatik in Deutschland mitprägte.

Heribert Kentenich und Claudia Schumann

Der gesamte Text ist zu finden unter:
https://dgpfg.de/nachruf-prof-siedentopf/

Hancer, Necati

  • 25 Jahre lang Vorsitzender der türkisch-islamischen Gemeinde in Dietzenbach
  • 2015 Ehrenbrief des Landes Hessen
  • 2016 Preisträger für besondere Verdienste um den Gedanken der Völkerverständigung

Herr Necati Hancer kam in den siebziger Jahren aus der Türkei in die Bundesrepublik. Seitdem Necati Hancer in Deutschland lebt, setzt er sich für die Förderung des interreligiösen und interkulturellen Dialoges ein. Seit 1990 ist er zudem Vorsitzender der türkisch-islamischen Gemeinde in Dietzenbach. Die Gemeinde lädt unter anderem am Ende des Fastenmonats Ramadan zum gemeinsamen Fastenbrechen ein, beteiligt sich an der alljährlichen Frühjahrsputzaktion der Stadt sowie an zahlreichen Festen.

Seit 2010 ist die türkisch-islamischen Gemeinde darüber hinaus Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen will, dass Religion als eine Quelle des friedlichen Zusammenlebens verstanden wird und damit zu einer Brücke der Verständigung werden kann. Unter der Leitung Necati Hancers warnt die Gemeinde zudem seit Jahren davor, sich religiösen Fanatikern anzuschließen und versucht Eltern für dieses Thema zu sensibilisieren. Mitglieder der Gemeinde protestierten zudem friedlich gegen Auftritte des islamistischen Predigers Pierre Vogel in Dietzenbach.

Durch seine offene Haltung gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften ist Herr Necati Hancer ein wichtiger Kooperations- und Ansprechpartner für Fragen des interreligiösen Dialogs in Dietzenbach. So ist der Moscheeverein eines der Gründungsmitglieder der Initiative „Eine Stunde für den Frieden – Interreligiöser Dialog in Stadt und Kreis Offenbach“, die sich nach den Anschlägen in den USA im September 2001 gegründet hat. Zu den vorrangigen Zielen der Initiative gehörte es, Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Prägung miteinander ins Gespräch zu bringen, damit sie sich besser kennenlernen und Vorurteile keine Chance haben.

Mit seiner zuverlässigen und vertrauensvollen Art ist Herr Necati Hancer ein wichtiger Garant für das Miteinander der Kulturen in Dietzenbach. Als Vorsitzendem fällt Herrn Necati Hancer auch die Aufgabe zu, seine Gemeinde zu repräsentieren und in der Öffentlichkeit zu vertreten. Er tut dies ruhig und sachlich und steht für Offenheit, Toleranz sowie ein friedliches Zusammenleben. Necati Hancer gilt als hilfsbereit sowie als Mensch, auf dessen Wort man sich stets verlassen kann. Er ist daher würdig mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet zu werden.

Siedentopf, Dr. Dörte

  • Ärztin im Ruhestand
  • Mitgründerin Arbeitskreis Aktives Gedenken in Dietzenbach
  • Spielte lange Jahre Querflöte im Ensemble Saitensprung
  • Engagiert sich bei Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, IPPNW
  • Ende 2015 Umzug nach Berlin

Dr. med. Dörte Siedentopf ist Allgemeinärztin und Psychotherapeutin im Ruhestand und IPPNW-Gründungsmitglied. Sie arbeitet im IPPNW-Arbeitskreis Atomenergie mit. Seit 1991 organisiert sie Kindererholungsreisen aus einem verstrahlten Kreis in Belarus und war seit 1995 Vorsitzende des „Freundeskreis Kostjukovitschi e.V. Dietzenbach“. Über 800 Kinder konnten bis heute eingeladen werden, dazu über 200 Erwachsene aus allen Bevölkerungsschichten. Der Verein leistet humanitäre Hilfe und finanzielle Unterstützung und führt Bürgerreisen nach Belarus durch. Dörte Siedentopf ist Teilnehmerin auf vielen nationalen und internationalen Kongressen und hält regelmäßig Vorträge über die Folgen von Tschernobyl und Fukushima.


Interview mit der Tagesschau vom 26.04.2011:
25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe
“Tschernobyl wütet in den Genen”

Ein Vierteljahrhundert ist die Katastrophe von Tschernobyl bereits her. Doch die Folgen der radioaktiven Strahlung nehmen zu, sagt die Ärztin Dörte Siedentopf im Interview mit tagesschau.de. Sie leistet seit 20 Jahren in Weißrussland Hilfe und engagiert sich gegen Atomkraft.tagesschau.de: Frau Siedentopf, Sie fahren seit 1990 regelmäßig in weißrussische Orte, um dort Opfern der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu helfen. Welche Auswirkungen gibt es dort?

Dörte Siedentopf: Über Weißrussland ist durch den Wind die größte Menge Radioaktivität niedergegangen. Unsere Partnerstadt Kostjukowitischi liegt etwa 180 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt im Osten Weißrusslands. Der Kreis wurde zu einem Drittel verstrahlt. Von den damals 35.000 dort lebenden Menschen mussten 8000 umgesiedelt werden. Mehr als 30 Dörfer wurden abgetragen oder vergraben.

tagesschau.de: Welche Folgen sind heute noch zu spüren?
Siedentopf: Anders als bei jeder anderen Katastrophe nehmen die Folgen der radioaktiven Verstrahlung mit dem Abstand vom Ereignis zu. Das ist wie eine auf dem Kopf stehende Pyramide. In Fukushima sind wir noch unten in der Spitze. Tschernobyl ist da schon ein Stück weiter. Tschernobyl wütet in den Genen, aber auch in jeder anderen Zelle, die von Genen gesteuert wird. 25 Jahre danach ist das Problem vor allem die Niedrigstrahlung.

300 Jahre mit strahlenbedingten Krankheiten zu rechnen

tagesschau.de: Wie kommt es zur Niedrigstrahlung?
Siedentopf: Zum Beispiel durch Strontium und Cäsium, die eine Halbwertszeit von 30 Jahren haben. Man muss diese Zahl immer mit zehn multiplizieren. Solange dauert es, bis keines dieser radioaktiven Isotope mehr im biologischen Kreislauf ist. Während dieser 300 Jahre, also acht bis zehn Menschengenerationen, ist immer wieder mit der Zunahme strahlenbedingter Krankheiten zu rechnen.

tagesschau.de: Wo befinden sich die radioaktiven Substanzen?
Siedentopf: Die Radioaktivität ist in Weißrussland sicherlich längst ins Grundwasser gelangt. Es gibt dort Sumpfgebiete und sandigen Boden. Das Grundwasser steht nicht tief. Man geht davon aus, dass die Radioaktivität pro Jahr zwei Zentimeter in den Boden wandert. Dann sind wir jetzt bei 50 Zentimetern. Die Radioaktivität gelangt über das Wasser in die Pflanzen und Tiere. Auf einem sandigen Acker kann man mit einem Geigerzähler nichts mehr messen. Im Wald dagegen dringt die Radioaktivität durch das Laub und das Moos nicht hindurch. Sie bleibt an der Oberfläche. In einem Laubgebiet oder am Rande eines Waldes tickt der Geigerzähler noch, oder auch in Vertiefungen, wo sich Regenwasser sammelt.

Bestechungsgeld für die Zulassung von Medikamenten in Weißrussland

tagesschau.de: Welche Hilfe haben Sie geleistet?
Siedentopf: In den ersten zehn Jahren haben wir zum Beispiel Grundsubstanzen mitgebracht, aus denen in der Apotheke Augen- und Ohrentropfen oder auch Zäpfchen hergestellt wurden. Seit zehn Jahren ist dies nicht mehr erlaubt. Seitdem müssen die Apotheken herausgeben, was zentral eingekauft und zugeteilt wird.

tagesschau.de: Funktioniert diese zentral gesteuerte Zuteilung von Medikamenten?
Siedentopf: Die funktioniert im Großen und Ganzen. Es gibt aber Engpässe bei speziellen Dingen. Welche Mittel zugelassen werden, hängt oft vom Bestechungsgeld ab, das die Firma zahlt, die das Medikament registrieren lassen will. Ein Problem ist zum Beispiel, dass es nur zwei vom Staat zugelassene Sorten Insulin gibt. Kinder brauchen aber oft eine andere Form Insulin. Diabetes ist eine Krankheit, die nach Tschernobyl bei Kindern deutlich zugenommen hat. Schon Neugeborene haben manchmal Diabetes. Da leisten wir im Einzelfall Hilfe. Diabetes, Gehirnerkrankungen, Herzinfarkte

tagesschau.de: Wie kommt es, dass Diabetes bei Kindern häufiger auftritt?
Siedentopf: Das ist vor allem mit dem Cäsium und der damit verbundenen Niedrigstrahlung zu erklären. Es befindet sich in der Nahrungskette und gelangt so in den Darm von Schwangeren. Die Bauchspeicheldrüse der Kinder in der Gebärmutter wird so in der Entwicklung gestört. Die aber produziert das Insulin und gehört zu den sensibelsten Organen des Menschen.

Kinder haben bis zum dritten Lebensjahr kein Immunsystem, das Schäden repariert, und sie haben anders als Erwachsene eine hohe Zellteilungsrate. Die Zellteilung ist immer der kritische Moment, in dem die Strahlung störend wirkt. Deshalb werden Kinder schon durch minimale Dosen in ihrer Entwicklung gestört.

tagesschau.de: Welche Auswirkungen erleben Sie noch durch die verbliebene Strahlung?
Siedentopf: Man sagt zum Beispiel oft, die Menschen in der Gegend um Tschernobyl seien nervös und hätten die berühmte Tschernobyl-Phobie. Deswegen könnten sie sich nicht konzentrieren. Dies geht aber auf ganz diffuse Störungen im Gehirn zurück. Das Gehirn gehört nach der Geburt zu den Organen, dessen Zellen sich am häufigsten teilen.In der ersten Generation nach Tschernobyl sind Ehepaare zu 30 Prozent ungewollt kinderlos. In Deutschland sind es zehn Prozent. Durch die Schädigung des Erbguts kommt es zu einer Zunahme an Frühaborten und Frühgeburten, die zum Tode führen, weil die Kinder nicht lebensfähig sind. Was die Kinder überleben, wenn sie nicht schon im Embryonalstadium sterben, vererben sie weiter.

“Die Atomlobby und ein Diktator passen gut zusammen”

tagesschau.de: Es gibt verschiedene Angaben über die Zahlen der Opfer, wie erklären Sie sich das?
Siedentopf: Eine für die Statistik verantwortliche Frau erzählte mir, sie bekomme Vorgaben aus der Bezirksstadt. Es werde geschrieben, was die Vorgesetzten hören wollten, denn niemand wolle seine Prämie verlieren. Im Jahr 2010 gab es in der Statistik fast keine Krebstoten mehr. Alle nicht mehr jungen Menschen sterben offiziell an Altersschwäche. Auch ein an Krebs erkrankter Mensch kann an etwas anderem sterben. Deswegen ist der Statistik in autoritären Ländern wie Weißrussland, aber auch in der Ukraine nicht zu trauen. Je häufiger die Krankheiten auf andere Ursachen zurückgeführt werden, umso billiger ist es für das Gesundheitssystem. Die Atomlobby und ein Diktator passen gut zusammen. Beiden ist es nur recht, dass Tschernobyl historisiert wird. Die Menschen dort aber sagen, Tschernobyl ist unser Leben.

tagesschau.de: Welche Rolle spielen Weltgesundheitsorganisation WHO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA?
Siedentopf: Dass wir nicht aufgeklärt werden über viele Dinge, liegt an einem unsäglichen Vertrag zwischen der WHO und der IAEA von 1959. Die IAEA bestimmt, was die WHO zum Thema gesundheitliche Folgen radioaktiver Strahlung untersuchen und veröffentlichen darf. Viele Konferenzen haben nicht stattgefunden und Studien russischer, weißrussischer und ukrainischer Wissenschaftler zur Frage der Niedrigstrahlung sind nicht publiziert worden. Diese hat dankenswerter Weise 2009 die “New York Academy of Science” veröffentlicht.

“Fukushima ist viel schlimmer”

tagesschau.de: Wie schätzen Sie die Lage in Fukushima ein?
Siedentopf: Ich denke, die Lage dort ist viel schlimmer, weil kein Ende abzusehen ist und es auch um das hochgiftige Plutonium geht. Wir haben überhaupt keine Vorstellung, wie viel Radioaktivität ins Meer gelangt ist und wo sie hinströmt. Auch ist die Bevölkerungsdichte nicht mit dem ländlichen Weißrussland zu vergleichen. Hinzu kommt, dass das Trinkwasser in den Bergen gewonnen wird. Die Berge verhindern, dass sich die Wolken verteilen. Die Radioaktivität bleibt praktisch dort an diesem schmalen Küstenstreifen. Die Pläne, dass die Schäden in neun Monaten beseitigt sein sollen, sind völlig absurd. Das sind reine Worthülsen.

Das Interview führte Silvia Stöber, tagesschau.de

Hier geht es zum gesamten Interview:
https://www.tagesschau.de/ausland/tschernobyl134.html


Ein Artikel aus der TAZ vom 26. 12. 2011:

Ärztin mit sozialer Verantwortung:
Der heiße Stein

Die Ärztin Dörte Siedentopf organisiert seit 20 Jahren Erholungsaufenthalte für Tschernobyl-Kinder. Sie ist fassungslos über den Umgang mit Fukushima.

Dr. med. Dörte Siedentopf, geboren 1942 in Oldenburg, daselbst Schulbesuch und Abitur, ab 1961 Studium der Humanmedizin in Würzburg, Berlin, Göttingen. 1966 Examen, Promotion 1968. 1967 Heirat, zwei Kinder, ab 1970 dann im hessischen Dietzenbach tätig als niedergelassene Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie in Gemeinschaftspraxis. Seit 2003 im Ruhestand.

Sie ist (seit der Gründung 1981) Mitglied im IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung). Sie initiierte die Verlegung von “Stolpersteinen” in Dietzenbach und gründete Anfang der 90er Jahre den “Freundeskreis Kostjukovitschi e. V. Dietzenbach, der u. a. zweimal jährlich Hilfstransporte nach Weißrussland schickt, mit medizinischem Gerät, Kleidung, Fahrrädern, Nähmaschinen, Computern usw.

Seit 20 Jahren werden für Tschernobyl-Kinder Erholungsaufenthalte in Deutschland organisiert. Gastfreundliche Dietzenbacher Familien nehmen jeden Sommer weißrussische Kinder auf. Der Freundeskreis hat inzwischen zahlreiche Mitglieder und viele Freundschaften in Kostjukovitschi geschlossen. Eine Reihe von tatkräftigen Helferinnen und Helfern des Freundeskreises kümmert sich um alles, auch um das Einsammeln von Geld- und Sachspenden. Seit 2009, zum 23. Jahrestag von Tschernobyl, besteht eine Städtepartnerschaft. Frau Dr. Siedentopf ist verheiratet mit einem Mediziner, auch beide Kinder haben Medizin studiert. Ihr Vater war Landarzt, ihre Mutter Hausfrau und Lehrerin..

Frau Dr. Siedentopf empfängt uns in ihrer kleinen Berliner Dachwohnung Anfang Dezember in Pankow am Bürgerpark. Bei Tee und Keksen erzählt sie uns von ihren Hilfsaktivitäten und Erfahrungen.

“Das Schlimmste ist, dass die Verantwortlichen nichts gelernt haben aus Tschernobyl. Ich bin fassungslos über den Umgang mit der Reaktorkatastrophe in Fukushima, die ja noch umfangreicher ist als die von Tschernobyl. Darüber, dass die Regierung die Evakuierungszone nicht entsprechend ausgeweitet und Frauen und Kinder nicht sofort in den Süden des Landes in Sicherheit gebracht hat, kann man nur hilflose Wut empfinden. Stattdessen wird die Bevölkerung systematisch belogen, sie wird gar nicht oder falsch informiert über die wirklichen Gefahren. Das ist vollkommen unverantwortlich. Was da jetzt auf die Japaner zukommt, an Erkrankungen und Problemen, das ist unvorstellbar. Und das nehmen Politik und Atomwirtschaft wirklich alles in Kauf! Weltweit!

Am Beispiel von Tschernobyl kann man sich das Ausmaß in etwa vor Augen führen. Viele Leute denken, das ist lange her, Tschernobyl ist eine vergangene Katastrophe, über die man auf Wikipedia nachlesen kann. Aber die Menschen in den radioaktiv verseuchten Gebieten leben von 1986 bis heute mit Tschernobyl. Die Folgen lassen nicht nach. Anders als bei Naturkatastrophen, nehmen sie mit der Zeit zu statt ab – und das für die nächsten 300 Jahre, mindestens. Ich gehe nachher noch genauer darauf ein.” (Siehe dazu auch den Bericht der “Gesellschaft für Strahlenschutz ” u. IPPNW: “Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 20 Jahre nach der Reaktor- Katastrophe”, Anm. G.G.)

Menschen lebten Jahrzehnte im verstrahlten Gebiet
“Vorher will ich noch kurz etwas zu den Ursachen sagen und weshalb wir uns zu einer Hilfsaktion in Weißrussland entschieden haben. Es ist so, dass der größte Teil des verstrahlten Gebietes in Weißrussland liegt. 70 Prozent der Radioaktivität ging nieder auf die damalige Sowjetrepublik Weißrussland. Ein Viertel der Landesfläche wurde verstrahlt. Etwa 15 Kilometer vom Reaktor entfernt ist die weißrussische Grenze.

Und als der Wind die Wolke dann Richtung Moskau bewegte, da hat man zusätzlich noch schnell künstlich abregnen lassen, mit Silberjodit. Natürlich ohne die Bevölkerung zu informieren. Anfang Mai, bei wunderschönem Wetter, kam plötzlich ein klebriger, gelber Regen runter, erzählen die Leute. Man hat die Bevölkerung jahrelang im Unklaren gelassen, es gab nur Umsiedelungen, Anordnungen, Beschwichtigungen. Dosimeter waren strengstens verboten.

Besonders betroffen waren die Gebiete Gomel und Mogiljow. Im Mogiljower Gebiet liegt auch das Städtchen Kostjukovitschi, in das ich seit 20 Jahren fahre. Diese beiden Gebiete wurden großflächig verstrahlt und etwa eine Million Menschen mussten umgesiedelt werden, dazu musste man erst mal in den Großstädten und Bezirken Häuser bauen. Um Minsk herum ist eine riesige Stadt gebaut worden. Viele Leute lebten zehn Jahre auf den verstrahlten Gebieten, bis sie neue Wohnungen beziehen konnten, und viele leben immer noch auf kontaminiertem Boden und treiben Landwirtschaft.

Für alles muss ja, seit dem Untergang der Sowjetunion, der weißrussische Staat aufkommen. Allein in ,unserem’ Kreis sind 8.000 Menschen umgesiedelt worden. 26 Dörfer wurden abgetragen und eingegraben. Viele Dörfer in den verstrahlten Gebieten stehen leer, in einige sind alte Leute zurückgekehrt oder auch Kriegsveteranen aus Tschetschenien oder Afghanistan, die nicht in der Stadt leben können.

Vergleichbares gibt es in der Sperrzone um Tschernobyl herum. Menschen leben in den alten Dörfern, ohne Strom, ohne Leitungswasser und versorgen sich selbst, so gut sie können. Dort ist überall sandiger Boden, wie in Berlin – die Birken gehen von hier bis nach Moskau. Das Grundwasser ist sehr niedrig, d. h., wenn die Radioaktivität 2 Zentimeter pro Jahr in den sandigen Boden sinkt, dann ist die also jetzt bei 50 Zentimeter angekommen und nicht mehr weit entfernt vom Grundwasser.

Die Hälfte des Haushalts
Es hat also gewaltige Umwälzungen gegeben dort. Die Kosten für Weißrussland, auch die gesundheitlichen, waren immens. Die ganzen Erdarbeiten, die in den zehn, fünfzehn Jahren nach Tschernobyl gemacht worden sind, die Dekontaminierung der Schulhöfe, die ganzen Abtragungen – was weiß ich, wohin sie das gebracht haben. Also das alles hat der Staat Belarus bezahlt. Ich glaube, die Hälfte seines Haushalts ist in die Beseitigung von Tschernobyl-Folgen geflossen.

Und eines Tages konnte und wollte man die vergleichsweise großzügigen Regelungen aus sowjetischen Zeiten nicht weiterhin erfüllen. Deshalb hat Präsident Lukaschenko Tschernobyl quasi als überwunden erklärt, als museales Ereignis. Es gehen von den ehemals verstrahlten weißrussischen Gebieten keine Gefahren mehr aus, wurde offiziell erklärt.

Bis 20 Jahre nach der Katastrophe hatte es immer noch Vergünstigungen gegeben, es wurde ein sogenanntes Sarggeld bezahlt, an Leute, die als Liquidatoren ihren Ausweis hatten. Aber auch Leute, die umgesiedelt wurden, hatten einen Anspruch. Diese Zahlungen wurden weitgehend eingestellt. Es war nicht viel Geld, aber dazu kam noch kostenfreie medizinische Versorgung, die jetzt auch abgeschafft wurde. Und die Anerkennung bestimmter Krankheiten, als Folge von Tschernobyl, ist auch nicht mehr selbstverständlich.

Fast eine Million ,Aufräumarbeiter’ – meist junge Männer – wurden in Tschernobyl und Umgebung eingesetzt. Ein großer Teil von ihnen kam aus Weißrussland. Heute sind die meisten Liquidatoren invalide, haben Lungen- und Schilddrüsenkrebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Erkrankungen der Nieren, des Magen-Darm-Bereichs, Leukämie und auch psychische Erkrankungen. Etwa 100.000 sind bislang gestorben, im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Viele begingen Selbstmord. Und da wurde einfach gesagt, Tschernobyl ist vorbei. Es hat Proteste gegeben in Minsk. Und gerade jetzt ist in Kiew wieder protestiert worden, mit einem Hungerstreik der Liquidatoren, gegen die krassen Einschnitte, die auch die Ukraine an Renten und Vergünstigungen vorgenommen hat.

In den Dörfern sind die Kosten niedriger
In Weißrussland war zum Beispiel für Betroffene der Kindergarten kostenlos, das Schulessen war kostenlos, die Kinder bekamen auch besondere Vitamine, und Kuren – die bekommen sie zwar jetzt auch noch, einmal pro Jahr, aber ansonsten wurde alles zurückgefahren. Auch das vitaminreiche Essen für die Schulen und Kindergärten. Also der Ausweis, den sie alle haben, den haben sie uns gezeigt, aber der gilt eigentlich nicht mehr. Alle ehemaligen Ansprüche sind gestrichen.

Wenn man ohnehin nur wenig hat und auch noch krank ist, dann wirken sich die Streichungen und Kürzungen sehr empfindlich aus. Jetzt gerade haben sie wieder – wie jedes Jahr – die kommunalen Abgaben erhöht, also Wasser und Wärme. Und die Wärme für die Stadt, für die großen Häuser und Blocks, die läuft im Winter in unisolierten Rohren über das Feld, da geht schon jede Menge verloren, was ja auch bezahlt werden muss. Deswegen leben auch viele Leute lieber in den Dörfern, dort können sie ihre Kosten reduzieren.

Die hohe Staatsverschuldung, die alle Menschen einschränkt und bedrückt, ist sicher einerseits durch Tschernobyl bedingt, aber auch durch massive Misswirtschaft. Es gibt eine Hyperinflation in Belarus, momentan sind das etwa 113 Prozent. Der Durchschnittsverdienst liegt bei 150 bis300 Euro im Monat. Arbeiten im Ausland ist nicht erlaubt.

Keinerlei Opposition wird geduldet
Die Grenzen zu den neuen EU-Mitgliedstaaten Polen, Lettland, Litauen sind dicht für Weißrussen. Aber es ist nicht nur das Geld, der drohende Staatsbankrott, es gibt auch eine ungeheure Unfähigkeit, wirklich in 20 Jahren irgendwas an Staat überhaupt aufzubauen, an Demokratie. Keinerlei Opposition wird geduldet. Dennoch kommt es zu Protestdemonstrationen. So auch gegen den ungeheuerlichen Beschluss, ein AKW zu bauen.

Weißrussland hat kein AKW. Aber unmittelbar nach Fukushima hat Lukaschenko gesagt, er will jetzt eins bauen, mit russischer Hilfe, in Ostrowez, 20 km von der litauischen Grenze entfernt. Der Vertrag wurde inzwischen von Lukaschenko und Putin besiegelt. Es wird mehr als 5 Milliarden Euro kosten, wurde gesagt, das AKW soll modern und vollkommen sicher sein, saubere und preiswerte Energie liefern und Arbeitsplätze schaffen, all diese Propagandageschichten. Da ist die Atomindustrie in Ost und West gleich.

Also das sind so andeutungsweise die äußeren Bedingungen. Vieles kenne ich aus eigener Anschauung. Angefangen hat das so: Wir haben damals, 1990 – nach Glasnost und Perestroika – an einer Gruppenreise nach Minsk für Versöhnung und Völkerverständigung teilgenommen. Veranstalter war ein kirchlicher ,Arbeitskreis Frieden’ in Bonn/Bad Godesberg.”

(Die Republik Weißrussland hatte am meisten unter dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion zu leiden, unter den Gräueltaten von Militär und Sondereinsatzgruppen. Nach drei Jahren Besetzung war das Land verwüstet und ausgeraubt, es verlor viele Einwohner, und fast die gesamte jüdische Bevölkerung war ermordet. In der Nähe von Minsk errichteten die Deutschen das größte Vernichtungslager auf sowjetischem Boden. Anm. G.G.)

“Das hat mich auch deswegen interessiert, weil mein Vater lange Jahre… es gibt Briefe aus Brest. Festung Brest. Es gibt Bilder…, auch im Lazarett. Das war eben, wie heißt das? Heeresgruppe Mitte, eines der Lazarette, die sie da hatten. Briefe und Bilder… und wie er da so… Irgendwie dachte ich immer, ich muss das mal sehen. Wir haben natürlich nie mit ihm über all diese Dinge geredet. Und 1963 ist er dann gestorben, an einer bösartigen Erkrankung auch. Ich weiß nur noch, meine Mutter kolportierte, dass er mal gesagt hat: ,Wenn wir den Krieg verlieren, dann gnade uns Gott!'”

Die Kinder mit den Narben
Frau Dr. Siedentopf hat sich wieder gefangen und erzählt weiter: “Wir haben alles angeschaut, auch das ehemalige Getto. Und eher zufällig haben wir fünf Ärzte aus der Gruppe dann auch eine Klinik besucht, außerhalb von Minsk. Da erholten sich Kinder, die behandelt wurden nach Schilddrüsenkrebs. Das waren die ersten Opfer, die wir sahen, in einem ehemaligen Erholungsheim für Funktionäre. Alle Kinder waren blass und mit einer roten Narbe am Hals.

Da ist uns das erst klar geworden, dass Tschernobyl nicht vorbei ist. Eine Ärztin sagte uns dann, dass ihnen eigentlich nicht so sehr Versöhnung und Völkerverständigung helfen könnten, sondern dass sie konkrete medizinische Hilfe brauchen. Wenn wir helfen möchten, sollen wir in die Provinz gehen, die großen Kliniken in Minsk seien schon relativ gut versorgt. Da war die Frankfurter Uniklinik engagiert. Und wir bekamen eine Anschrift und sagten, wir überlegen das mal. Und bald darauf sind wir dann zu zweit nach Kostjukovitschi gefahren. Das liegt etwa 180 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt, im Osten Weißrusslands.

Meine Stadt Dietzenbach hat 35.000 Einwohner, etwa so viele wie Kostjukovitschi. Wir besuchten dort den Chefarzt in einem alten Krankenhaus von 1905, es war unglaublich, Baracken, so im Gelände verteilt, ohne irgendwas. Er zeigte uns alles, und wir lernten dann auch die hochschwangere Apothekerin Larissa kennen, die bis heute unsere zuverlässige Verbindungsfrau und auch Freundin ist. Sie zeigte uns ihre Apotheke, die ebenfalls sehr schlecht ausgerüstet war. Es fehlte an Verbandsmitteln, an Verbrauchsmaterial. Für Kinder, hieß es, gibt es keine Zäpfchen. Sie konnte auch keine selbst herstellen, denn es fehlte die Rohsubstanz Kakaobutter.

Und warum macht ihr keine Augen- und Ohrentropfen? Es gibt keine Pipettenfläschchen, erklärte sie. Und da begann dann unser Projekt erst mal mit der medizinischen Hilfe. Es ging um die Folgekrankheiten von Tschernobyl, darum, da irgendwie behilflich zu sein. Und mit diesen Menschen, dem Chefarzt, der Apothekerin und noch einer Kinderärztin, haben wir dann eigentlich zehn Jahre lang ein sehr intensives medizinisches Projekt gehabt.

Wir haben für das Apothekenprojekt geschickt – oder gebracht -, was an Substanzen benötigt wurde. Sie haben es dort selbst verarbeitet. Die Kinderzäpfchen wurden dann kostenlos oder ganz billig abgegeben. Eine wichtige Hilfe waren auch gynäkologische Präparate, Frauenzäpfchen. Nach zehn Jahren war das dann nicht mehr möglich, weil die Medikamentenzuteilung zentralisiert wurde, die Apotheken waren nur noch Verkaufsstellen und durften nichts mehr selbst herstellen.

Zu dieser Anfangszeit hatte das auch schon angefangen, dass Kinder eingeladen wurden nach Deutschland. 1990 waren die ersten Kinder in der DDR eingeladen zu Erholungsaufenthalten. Die konnten dort ja auch Russisch und hatten schon Kontakte. 1991 fing es dann auch bei uns an. Unsere Stadt hat gesagt, sie wird die Finanzierung von 50 Kindern aus der Tschernobyl-Gegend übernehmen für einen Urlaub im Taunus. Aber ich sagte, sie sollen doch Kinder aus Kostjukovitschi nehmen und auch unsere Familien in Dietzenbach sollen sich mit dem Thema beschäftigen.

Ich war etwa 40-mal in Weißrussland
Und so wurde es dann gemacht, wobei zwei, drei Jahre es noch die Stadt finanzierte und danach unser ,Freundeskreis Kostjukovitschi e. V.’, der sich dann auch juristisch gegründet hat, damit wir die Spendengelder richtig abrechnen konnten. Die Familien und die Kinder haben sich trotz Sprachschwierigkeiten und Fremdseins sehr schnell miteinander angefreundet. Viele dieser Freundschaften haben sich erhalten über die Jahre. Bis heute waren mehr als 900 Kinder und 250 Erwachsene in Dietzenbach unsere Gäste. Viele freundschaftliche Gegenbesuche haben stattgefunden. Und ich bin seitdem etwa 40-mal in Weißrussland gewesen.

Vom ersten Jahr an eigentlich haben wir immer auch – neben der medizinischen Hilfe – fehlende Gegenstände für das Alltagsleben in dieser Mangelgesellschaft gesammelt. Erst in meiner Praxis, später bekamen wir dann eigene Räume. Es wurden Pakete geschickt, es fahren zweimal jährlich Transporte mit Lastwagen, wir sammelten alles, Kleidung, Fahrräder, Nähmaschinen, Spielzeug, Musikinstrumente, Computer, Sportgeräte usw. Wir hörten uns auch dort um, was so gebraucht wird, eine Kunstschule wünschte sich einen Brennofen.

Ein Altenheim auf dem Dorf brauchte alles: Betten, Matratzen, Bettzeug, Kleidung, Teppiche, Möbel, Geschirr usw. Da waren wir sehr engagiert, es gab auch eine Einrichtung für das Kabinett des Arztes, der da ab und zu hinkommt, Liege, Apparate. Oder auch für Kinderärzte haben wir Stethoskope und Ohrspiegel geschickt, an denen es fehlte, oder Spekula, mit denen man in die Nase guckt, solche Dinge. Ach ja, auch kleine Spiegel, mit denen man in den Kehlkopf guckt, schickten wir. Die sind aber immer nach einem Jahr schon blind geworden, und wir haben gefragt, was sie denn damit machen. Die wurden sterilisiert in der allgemeinen Sterilisation, die die Spiegel kaputt machte. Dann haben wir einen eigenen kleinen Sterilisator besorgt, und ab da lief es dann.

Ein anderes Projekt sind Kindergärten. Wir gingen in die Dörfer und haben gesehen, dass sie nichts haben an pädagogischem Einrichtungsmaterial. Nicht mal Bauklötzchen oder Puppenwagen. Mit dem nächsten Transport haben wir dann so eine Grundausstattung geschickt. Und als ich mal wiederkam, im Winter, da waren nur noch drei Kinder da. Und man erklärte mir, nein, die sind nicht krank, die Eltern können das nicht bezahlen, wir sind zwar ein Umsiedlungsdorf, aber die Hilfen wurden gestrichen.

Und im Winter haben die Eltern keine Arbeit auf der Kolchose, da behalten sie die Kinder zu Hause. So haben wir dann die Kosten übernommen, und es kamen noch viele andere Kindergärten dazu. Der kleinste, den wir zurzeit finanzieren, das ist einer mit fünf Kindern. Sie leben in einem Ort, wo es nichts mehr gibt. Kolchose ist nicht mehr da, Schule ist weg, nur noch den Kindergarten gibt es. Und ganz wichtig für Kindergartenkinder ist, es gibt dort mehrere Mahlzeiten, vitaminreiches, gesundes Essen.

Nun will ich zum Gesundheitszustand kommen, über den man wohlweislich hier nichts zu hören bekommt. Es ist wichtig, dass man sich mal klarmacht: Mit dem Abstand zum Ereignis werden die Folgen für die Menschen und das biologische Leben immer katastrophaler. Das wollen unsere Regierungen und Medien genauso wenig sehen wie Lukaschenko, der das Ereignis per Beschluss für MUSEAL erklärt.

Die versteckten Mütter
Nach Tschernobyl gab es verschiedene katastrophale Wellen. Die erste betraf einerseits Erwachsene: Liquidatoren, Ärzte, Leute, die in die verstrahlten Dörfer gingen, und die Bevölkerung dort auch. Da sind viele recht bald an Krebs gestorben. Und andererseits waren dann gleich die Kinder betroffen. In dieser Gegen Weißrusslands herrscht Jodmangel – sie haben ja keine Küste wie die Japaner zum Glück -, und so wurde das radioaktive Jod massiv aufgenommen von der kindlichen Schilddrüse. Es hat eine kurze Halbwertzeit, also das ist in den ersten zehn Tagen aufgenommen worden.

Man hat nach Tschernobyl versucht, bei allen betroffenen Schwangeren abzutreiben. Die Mütter haben sich aber zum Teil versteckt. Und direkt in dem Jahr danach gab es auch bei diesen Kindern Schilddrüsenkrebs. Eine Krankheit, die es vor Tschernobyl bei Kindern gar nicht gab. 4.000 Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern in Weißrussland sind offiziell bestätigt, die sind operiert, die sind nachbestrahlt, die müssen lebenslang Hormone nehmen, sonst werden sie zu Kretins. Aber das müssten sie eigentlich kostenlos kriegen, auch heute, 25 Jahre danach noch, und auch im Falle der später aufgetretenen Funktionsstörungen.

Wir haben jetzt bei der nächsten Generation vermehrt auftretende Bluterkrankungen. Wir sagen: TSCHERNOBYL WÜTET IN DEN GENEN. Und das ist die nächsten 300 Jahre so, weil Strontium und Caesium eine Halbwertzeit von 30 Jahren haben und das mit 10 multipliziert. Das ist die Faustregel. Sieben bis acht Generationen, mindestens. Ganz zu schweigen vom Plutonium, das eine Halbwertzeit von 24.000 Jahren hat. Ein Problem ist Diabetes, bei Kindern und Erwachsenen. Besonders bei Neugeborenen. Das gab es früher auch nicht.

Und es ist so, dass der Staat zwei Sorten Insulin einkauft, und damit müssen alle klarkommen. Kinder brauchen aber mindestens noch eine dritte Sorte, und die gibt es nicht, außer es kümmern sich NGOs darum. Die betreiben auch die fehlende Aufklärung. Ein anderes Problem sind Augenstörungen bei Kindern, Linsentrübungen. Und es gab eine Zunahme von Brustkrebs bei Frauen, viele starben innerhalb von fünf Jahren. Könnte es sein, dass strahleninduzierter Krebs viel bösartiger ist als ein Alltagskrebs, der sich entwickelt?

Die Zahl der Missbildungen ist gestiegen. Abtreibung ist ein großes Thema. Schwangerschaftsverhütung kostet Geld, das kann sich kaum jemand leisten. Das ist ein großes Problem. Und es gibt andererseits das Problem der unfruchtbaren Paare. In Kostjukovitschi gibt es 30 Prozent ungewollt sterile Ehen. Eine andere Geschichte ist die Zunahme bösartiger Tumore, die 6-, 7-, 8-, 9-jährige Kinder jetzt entwickeln. Hirntumore, Knochentumore.

Ein weiteres großes Problem: In den verstrahlten Gebieten heilten Wunden nicht mehr, es war dramatisch. Der Grund ist eine Immunschwäche, weil das radioaktive Strontium sich in den Knochen einbaut und da bleibt. Und im Knochen wird das Blut gebildet, es wird ständig bestrahlt! Es ist dann wie bei Aids, dass Impfungen nicht angehen, weil keine Antikörper mehr gebildet werden. Also auch Zunahme von Polio, trotz Impfungen. Und es gibt eine Zunahme von Tuberkulose, weil auch da die Impfungen nicht mehr angehen und die Leute einfach auch keine gute Ernährung haben. Zudem haben viele ihr Gemüse mit Regenwasser gegossen und sie sammeln im Herbst Pilze und Beeren, die immer noch hochkontaminiert sind.

Geschädigte Zellen
Die Vielzahl der behinderten Kinder, mit geistigen und körperlichen Beschädigungen, ist eine direkte Folge der Strahlenbelastung. Man muss sich das mal klarmachen, dass bei den Frauen ja die Eierstöcke bereits in ihrem Embryonalstadium angelegt sind, eine große Menge von Zellen entwickeln sich zu Eierfollikeln, 8 Millionen. Und alle Schädigungen der Mutter kriegen diese Zellen ab. Die Placenta hat eine Schutzschranke, und ausgerechnet da kann sich die Radioaktivität sozusagen konzentrieren. Die beschädigten Eier können nicht repariert werden. 1 bis 2 Millionen sind es bei der Geburt. In der Pubertät noch etwa 400.000. Und die können dann bereits im Mutterleib beschädigt worden sein mit den entsprechenden Folgen bei einer Schwangerschaft.

Und noch etwas ist sehr wichtig zu wissen: Was die genetischen Schäden angeht und die Krebshäufigkeit usw., das sind alles Folgen von NIEDRIGSTRAHLUNG, und das ist etwas anderes als die Strahlenkrankheit der Liquidatoren. Etwas, das permanent von den Verantwortlichen geleugnet wird.

Die Schädigung der Organe durch inkorporierte künstliche Radionuklide, daran sind die kurzwelligen Strahlen schuld. Bei Zellschädigung durch Radioaktivität hat die Zelle vier Möglichkeiten. 1.: Die Zelle stirbt sofort ab. 2.: Die Funktion der Zelle wird zerstört. 3.: Die Zelle entartet und es entwickelt sich Krebs. 4.: Die Zelle kann sich reparieren. Das können aber nur erwachsene Zellen. Embryonen haben gar keine Reparaturmechanismen, auch Kinderzellen können das nicht. Sie sind aufs Wachsen und Teilen aus und erst allmählich kriegen sie ihren Reparaturmechanismus. Und deshalb sind Kinder auch so besonders gefährdet. Und aus diesen Gründen hätten alle Schwangeren und Kinder sofort aus Fukushima weggebracht werden müssen!

Die Atomwirtschaft, das ist noch mal eine Dimension, die wir gar nicht einschätzen können, weil so viele wirtschaftliche Interessen, so viel Geld dahinter stecken. Was wir aber einschätzen können, ist, dass sie und ihre Lobbyisten – zu denen auch die Politik und die einschlägigen Organisationen gehören – absolut zynisch sind und entsprechend agieren. Das fängt schon an mit den Grenzwerten. Selbst in der Ukraine und in Weißrussland gelten niedrigere Grenzwerte als bei uns.

Es gibt einfach keine verbindliche unabhängige Instanz auf der Welt. Die WHO hat nur EINEN EINZIGEN Menschen, der sich mit Strahlung beschäftigt! Aber sie hat ja ohnehin nichts zu sagen. In Strahlen-Angelegenheiten hat sie einen absoluten Maulkorb. Seit dem Vertrag von 1957 ist sie der IAEO (International Atomic Energy Agency) unterstellt, und die unterdrückt jede Meldung über die reale Strahlengefahr. Wir müssen das anprangern, diese Unterstellung der WHO unter die IAEO, diesen Knebelvertrag. Der IPPNW fordert eine Kündigung dieses Abkommens! Vielleicht kann die WHO dann endlich dem Artikel eins ihrer Verfassung gerecht werden: allen Völkern zur Erreichung des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu verhelfen.”

Der Foodwatch-Report des IPPNW (August 2011, deutsche Sektion), formuliert unmissverständlich: Die Festsetzung von Grenzwerten ist letztlich “eine Entscheidung über die tolerierte Zahl von Todesfällen”.

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https://taz.de/Aerztin-mit-sozialer-Verantwortung/!5104614/