Erhart, Harro


  • 1939 in Frankfurt am Main geboren
  • 1959 – 1961 Steinmetzlehre
  • 1961 – 1967 Studium der Bilderhauerei an der Städelschule in Frankfurt
  • 1965 Meisterschüler bei Professor Mettel
  • seit 1967 als Bildhauer selbständig
  • 1964 – 1970 verschiedene Reisen in Europa, Türkei, Iran, Lateinamerika und Westafrika
  • seit 1964 Beteiligung an Wettbewerben und Ausstellungen
    Öffentliche Arbeiten in Frankfurt-Nordweststadt, Kreuzweg in der kath. Kirche 1964; evang. Kirche Neu Isenburger 1967/68; Denkmal für W. Schücking, Kassel 1976
  • seit 1976 Mitarbeit in der Zeitschrift “tendenzen”
  • 1976 Austellung “Progressive Kunst der BRD” in Karl-Marx-Stadt, Berlin (DDR) und Weimar. Andere Austellungen in Bremen, Lohr/M. (IGM-Bildungsstätte), Dietzenbach
    Mitglied des FBK, Frankfurt
  • lebt in Dietzenbach

Aus der Offenbach Post vom 31.07.2020:

Zwischen Proletariern und Wölfen
Künstler Harro Erhart sortiert sein Lebenswerk und arbeitet an einer Skulptur für den Friedhof in Dietzenbach

Ein Leben für die Kunst. Anders kann der Werdegang von Harro Erhart gar nicht überschrieben sein. Doch Kunst bedeutet für den ehemaligen Städel-Meisterschüler nicht bloß die Freude, die er Menschen mit seinen Werken machen möchte. Kunst, seine Kunst, hat viele Metaebenen: „Sie ist immer politischer Ausdruck“, mystisch, naturverbunden, in seinem Frühwerk auch religiös – obwohl Erhart sich als Atheist bezeichnet. Aber sie ist vor allem: menschlich.

Dietzenbach – Erhart steht in seinem Garten – weißes Haar, von Handarbeit gezeichnete Hände, tiefe Furchen in der Stirn – hebt einen Krönel mit beiden Händen an und schlägt damit immer wieder auf eine Skulptur ein. Der Krönel wiegt viel, es fällt dem 81-Jährigen sichtlich schwer, sein Werk zu verfeinern. Die harte körperliche Arbeit ist eine Herausforderung. Einen rechtwinkligen Würfel aus Vogelsberger Lavastein hat er nun so weit bearbeitet, dass er keine Ecken mehr hat, „denn Geraden, Winkel und Ecken gibt es in der Natur nicht, nur im Kopf des Menschen“, meint Erhart. Nicht nur seine vielschichtigen Werke regen zum Nachdenken an. Er kann auch mit Worten: „Der Kapitalismus zerstört alles, was ihm nicht zur Ausbeutung dient“, sagt er ganz klar heraus. Er habe auch nie eine Uniform tragen wollen. „Ich bin Pazifist und Antikapitalist.“ Das zieht sich auch durch sein Lebenswerk. Proletarier aus Ton zieren etwa den Eingang zu seinem kleinen Haus. Seine Kunst zeigt die einfachen Menschen.

Erhart bearbeitet weiter den Stein. Der wirkt dynamisch, „ein Wellenlauf nach links“. Das Werk hat der in Frankfurt Geborene, der auf ein lebenslanges soziales Engagement zurückblickt, in den 1980er Jahren über drei Sommer lang mit Patienten in einer Offenbacher Psychiatrie als Beschäftigungstherapie begonnen, aber nie fertiggestellt. Nun hat er das Werk in seinem Garten so gut wie vollendet. Den „Fischstein“, so der Name der Skulptur, möchte er der „Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach“ für den Garten der Religionen auf dem Friedhof schenken. Das wäre Erharts erste Skulptur im öffentlichen Raum in Dietzenbach. Ungewöhnlich für einen Künstler, der schon seit 1969 dort lebt und der etwa die Frankfurter Matthias-, die Neu-Isenburger Johannes- oder die Groß-Gerauer Versöhnungskirche mitgestaltet hat. Und der einige Techniken wie die Aufbaukeramik zu seinen Geistesblitzen zählen kann.

Zur Kreisstadt und speziell zum Garten der Religionen passt die Skulptur allzu gut. Nicht nur, weil der Fisch ein in nahezu allen Weltanschauungen bedeutendes Symbol ist, sondern auch, weil die Geschichte, die Erhart dazu angeregt hat, um den Globus führt. „Sockeyes“, Lachse, die im Kamtschatka River geboren werden, dann in den Pazifik schwimmen und in ihrem Leben „dreimal um die Erde ziehen“, bevor sie zum Sterben wieder in ihr Geburtsgewässer zurückkehren, haben Erhart inspiriert, zum dynamischen „Immer weiter“, zu den „Wellen des Lebens“.

Auch wenn Erhart beim Verfeinern seiner Skulptur angesichts des schweren Krönels langsam müde wird, die Geschichte der Sockeyes sprudelt nur so aus ihm heraus, als hätte er die Lachse ein Leben lang begleitet – von Kamtschatka bis Feuerland, von Australien bis zur Beringstraße. Erhart wohnt zwar in Dietzenbach, ist aber auf der ganzen Welt zuhause.

Bereits in den 1960er Jahren hat sich Erhart einen Namen bei verschiedenen Wettbewerben und Ausstellungen und bei der Gestaltung von Kirchen und Plätzen gemacht. Mit seiner „Galerie der Begegnung“ ist er in der längst vergangenen Sowjetunion, in Venezuela oder in Mexiko gewesen. „Ich habe unglaublich viele Menschen kennengelernt.“

Erhart legt den schweren Krönel ab, atmet tief durch und bittet ins Haus. An den Wänden: unzählige Porträts und Akte, Fotografien und Skulpturen, Szenen aus der griechischen oder chilenischen Mythologie – und immer wieder der Proletarier. Der Ausdruck der Menschen in seinen Werken lässt einen nicht los.

Aus einer Schachtel zieht er Plastiktütchen mit Ton hervor, „Farben aus der Erde“, die er sich von überall her mitgebracht hat und als Farbstoff nutzt. Das gibt seinen Werken – und davon gibt es Tausende – eine einzigartige Wärme. Erhart legt die Tütchen zur Seite und greift einen Stapel mit Zeichnungen. Die wolle er alle mal sortieren, sagt er, „dass das, worauf es ankommt, auch erhalten bleibt“.

Darunter fallen auch Erharts wohl meistbeachtete Zeichnungen, die der Wölfe Akbara und Taschtschajnar im gesellschaftskritischen Roman „Der Richtplatz“, die literarische Ouvertüre zur Perestroika des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Und obwohl die Sprachbarriere den Schriftsteller und den Zeichner trennte, waren sie künstlerisch und menschlich bis zum Tod Aitmatows 2008 eng verbunden. Aitmatow, dessen Liebesgeschichte „Dschamilja“ zur Pflichtlektüre in DDR-Schulen gehörte, sagte einst anerkennend über Erhart: „In seiner Auffassung habe ich wiedererkannt, was ich mir tatsächlich vorstellte, nämlich die Synthese von Glaubwürdigkeit und Mythos. Er hat die Philosophie meiner Werke erfasst.“

Erhart geht zurück zum Fischstein und richtet die Aufmerksamkeit auf ein Lavasteingebilde daneben. „Das Paar in der Trennung“ heißt es, auch dieses könne er sich vorstellen, für den öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Für die Menschen. (Von Ronny Paul)

Hier geht es zum gesamten Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/zwischen-proletariern-und-woelfen-90015381.html


Aus der Offenbach Post vom 10.10.2020:

Dietzenbacher Stadtgeschichte in Bronze
Dietzenbach: Harro Erhard stellt in der Ratsstube aus und arbeitet dafür an neuen Werken

Harro Erhart hat aktuell die Qual der Wahl. Aus seinem umfassenden Katalog gilt es, 40 Werke auszusuchen, die Anfang kommenden Jahres in der Ratsstube ausgestellt werden sollen.

Dietzenbach – Der ehemalige Städel-Meisterschüler plant eine Gesamtwerkschau mitsamt Kompositionen eigens für den Ausstellungsraum. Für den 81-Jährigen, der bereits rund um den Globus seine Kunstwerke präsentiert hat, wird es ein „besonderes Ereignis“, wie er sagt. Seine erste große öffentliche Ausstellung in Dietzenbach, in der Stadt, in der er seit 1969 lebt. Unterstützung bekommt er dabei von einem alten Bekannten. Wirtschaftsratmitglied Norbert Kern unterstützt Erhart bei der Ausstellung. Die beiden kennen sich schon lange, haben als Jugendliche gemeinsam Handball gespielt. „Die Ausstellung in der Ratsstube soll einen guten Überblick geben, was wir für einen guten Künstler in der Stadt haben“, betont Kern, „Mit allen Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe“, ergänzt Erhart, „unter anderem Reisebilder, Akte, Skulpturen, Proletarierfiguren und Literaturillustrationen “.

Kern hat Andrea und Heinz Robens von der Ratsstube angesprochen, ob sie eine Ausstellung für Erhart organisieren können. Robens habe zunächst eingewandt, dass er mit Ausstellungen bis Ende 2023 grundsätzlich ausgebucht sei. Robens habe aber gesagt; „Ich möchte mir die Werke von Harro Erhart erst mal anschauen.“ Die Entscheidung fiel dann schnell: „Als ich die Werke gesehen habe, war es keine Frage, dass wir ihm so zeitnah wie möglich eine Ausstellungsmöglichkeit geben“, erzählt Heinz Robens weiter. „Harro Erhart hat sein Leben lang von der Kunst gelebt, auch für uns ist das eine besondere Ausstellung“, sagt Robens, der bereits auf acht Ausstellungen in der Ratsstube zurückblicken kann.

Jüngst haben sich Norbert Kern, Heinz Robens und der Kunstgießer Fritz Georg Rincker bei Harro Erhart getroffen und über Skulpturen unterhalten, die eine besondere Bedeutung für die Kreisstadt haben. Kern etwa lässt sich einen Abguss von Erharts „2 Männer am Knabenborn“ in Bronze gießen. Rincker, dessen Vater für Erhart schon vor rund 50 Jahren Werke für die Neu-Isenburger Johanniskirche vollendet hat, erläutert dem Trio die aufwendige Prozedur, die zudem relativ kostspielig ist. Kern wirbt bei dem Treffen dafür, dass in der Ratsstube ein „Stück Stadtgeschichte von einem renommierten Dietzenbacher Künstler ausgestellt wird“. Er möchte Erhart fördern, indem er zum Spenden für Kunstgüsse zweier seiner Skulpturen aufruft.

Zum einen geht es um Erharts „Herakles“, den er anlässlich einer öffentlichen Ausschreibung für das neue Dietzenbacher Rathaus Anfang der 1970er-Jahre angefertigt hat. „Bei der Ausschreibung war ich unterlegen“, sagt Erhart rückblickend. Seine Idee vom „starken Mann, der im Rathaus aufräumt,“ hat er dennoch nie verworfen, sie schlummerte weiter in seiner Werkstatt. Den Herakles würde Erhart gerne in Bronze gießen lassen, ebenso wie ein weiteres Stück Stadtgeschichte, eine mannshohe Skulptur eines Gaubatz-Jungen, der nahe der Frankfurter Straße gewohnt und den der damals ebenfalls noch junge Künstler Harro Erhart als Modell verewigt hat. „Warum nicht einen Dietzenbacher Jungen ins Rathaus stellen?“, fragt Kern und bricht eine weitere Lanze für Harro Erhart: „Er ist nicht einer, der in der VHS einen Kurs belegt hat, sondern ein akademisch ausgebildeter Künstler.“

Hier geht es zum vollständigen Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/dietzenbach-harro-erhard-stellt-in-der-ratsstube-aus-und-arbeitet-dafuer-an-neuen-werken-90065697.html


Aus der Offenbach Post vom 2.7.2021:
Das erste Mal in der „Heimatstadt“: Ex-Städel-Meisterschüler Harro Erhart präsentiert Kunst in Ratsstube

Es ist eine Retrospektive seines künstlerischen Lebens: 40 Bilder und drei Kleinkunst-Skulpturen wird Harro Erhart ab September für drei Monate in der Ratsstube ausstellen. Kaum zu glauben, aber es ist die erste öffentliche Schau des 82-Jährigen in Dietzenbach, seiner „Heimatstadt“, in der er bereits seit 1969 seinen Lebensmittelpunkt hat.

Dietzenbach – Die Kunst des ehemaligen Städel-Meisterschülers ist den meisten Dietzenbachern unbekannt. Das soll sich ändern, finden Norbert Kern und Heinz Robens. Kern, ehemaliges Wirtschaftsratmitglied, kennt Erhart seit der Jugend in Frankfurt und hält große Stücke auf ihn: „Dietzenbach kann stolz sein, so einen großen Künstler zu haben“, sagt Kern, der die Ausstellung initiiert hat. Robens, der die erfolgreiche Reihe „Kunst in der Ratsstube“ seit 2018 organisiert, ist ebenfalls angetan: „Ich war sofort begeistert von seinen Werken.“ Es habe ihm eine Riesenfreude gemacht, die Werke für die Ausstellung mitauszuwählen. „Die Bilder haben eine herausragende Qualität“, findet Robens.

Unter den in der Ratsstube ausgestellten Werken sind unter anderem Akte, Skulpturen, Proletarierfiguren, Literaturillustrationen und Reisebilder vom Weltenbummler. Erhart war mit seiner „Galerie der Begegnung“ etwa schon in der ehemaligen Sowjetunion, in Venezuela oder in Mexiko. Sein Fernweh hat ihn immer wieder auch an die entlegensten Orte der Welt gebracht, die ihn und seine Kunst maßgeblich beeinflusst haben, etwa nach Kamtschatka. Landrat Oliver Quilling, der sich freut, dass Kunst und Kultur im Kreis Offenbach wieder aufblühen und der die Schirmherrschaft für die Ausstellung übernommen hat, sagt anerkennend: „Als außergewöhnlicher Künstler mit einer faszinierenden Schaffensgeschichte, die ihn durch die ganze Welt geführt hat, versteht Erhart es auf einzigartige Weise, mit seinen Werken zu begeistern.“

Johanneskirche in Neu-Isenburg beherbergt mehrere Kunstwerke
Aber man muss nicht unbedingt weit fahren, um das Schaffen des bekennenden Pazifisten bestaunen zu können. In der Johanneskirche in Neu-Isenburg etwa hat der ehemalige Städel-Meisterschüler neben einem großen Wandrelief zum Thema der biblischen Offenbarung nahezu die gesamte Inneneinrichtung, unter anderem den Altar, die Kanzel und den Taufstein, entworfen. Mitte der 1960er Jahre hatte Erhart den Wettbewerb zur Neugestaltung der Kirche gewonnen. „Es ist das größte Objekt meiner künstlerischen Arbeit geworden“, blickt der 82-Jährige zurück, der durch die Erfindung eines neuen technischen Verfahrens zum Betongießen zum Meisterschüler seines Ausbilders Professor Hans Mettel wurde. „Ich begann in Schalungskästen aus Holz die Negativformen für den Betonguss zu bearbeiten, sie wurden in den Rohbau eingesetzt und gegossen“, erläutert Erhart.

Entwurf entstand Mitte der 1970er Jahre
Und auch in Dietzenbach steht seit vergangenem Jahr ein Werk Erharts im öffentlichen Raum, der Fischstein im Garten der Religionen auf dem Friedhof. Dieser entstand bei Therapieprojekten mit Kunst, die Erhart in der Psychiatrischen Klinik am Stadtkrankenhaus Offenbach in den 1980er Jahren Angeboten hatte. Und es soll noch ein weiteres Werk im öffentlichen Raum hinzukommen: Kern schenkt der Stadt Dietzenbach Erharts Herakles-Statue, die im Eingangsbereich des Capitols aufgestellt werden soll. Diese hatte der gebürtige Frankfurter ursprünglich für den Wettbewerb „Kunst am Bau“ Mitte der 1970er Jahre entworfen. „Er sollte auf dem Europaplatz vom Rathaus wegschreiten in der stolzen und kraftvollen Haltung, dort mal aufgeräumt zu haben“, sagt Erhart. Den Wettbewerb gewonnen hatte damals allerdings Inge Hagner, deren Stahlplastik „Die vier Fraktionen“ auf der Grünachse vor dem Rathaus steht. Für Erhart hatte die Vergabe damals ein Geschmäckle: Hagner war die Tochter eines hochrangigen Mandatsträgers im Landkreis Offenbach, erinnert er sich.

Hier geht es zum gesamten Artikel:
https://www.op-online.de/region/dietzenbach/dietzenbach-das-erste-mal-in-der-heimatstadt-ex-staedel-meisterschueler-harro-erhart-praesentiert-kunst-in-ratsstube-90836687.html


Homepage von Harro Erhart:
http://harroerhart.de/

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